Andreas C. Knigge
Mit dem Spezialpreis der Jury zeichnen wir heute Abend eine Persönlichkeit aus, die wie keine andere deutsche Comic-Geschichte geschrieben hat – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Als in den 60er Jahren Comics in Deutschland noch als Schund verachtet wurden, entdeckte ein Junge in Hannover Donald Duck und Carl Barks, Hergé und Tim und Struppi. Und er stellte fest, es gibt bessere und schlechtere Geschichten, deshalb veröffentlichte er in der Schülerzeitung seine ersten Comic-Kritiken.
1974, mit 17 Jahren, gründete er mit René Lehner und Thilo Rex die legendäre Zeitschrift Comixene und begründete damit eine deutsche Comic-Kritik. 1983 heuerte er als Lektor beim Carlsen Verlag an, zwei Jahre später wurde er Chef-Lektor. Unter seiner Leitung entwickelte sich Carlsen Comics zur erfolgreichsten Sparte des bislang auf Kinderbücher konzentrierten Verlags. Andreas pflegte die frankobelgische Bande dessinée, lancierte die Renaissance der Superhelden und veröffentlichte die ersten Mangas. Eine wichtige Rolle spielten auch deutsche Zeichner*innen, die von ihm gefördert wurden, Matthias Schultheiss, Ralf König, Isabel Kreitz, um nur wenige zu nennen.
Nach seinem Ausscheiden bei Carlsen 1998 wurde Andreas C. Knigge zum wichtigsten Experten und Publizisten in Sachen grafische Literatur. Zahlreiche Werke der Sekundärliteratur stammen aus seiner Feder, kaum ein Lexikon kam und kommt ohne seine Beiträge aus. Knigge kuratierte wichtige Ausstellungen und managte großartige Künstler*innen. Die Comic-Branche verdankt Andreas C. Knigge wie kaum einer anderen Persönlichkeit, dass Comics in Deutschland als Kunstform ernst genommen werden. Das alles sind unglaubliche historische Verdienste.
Ausgezeichnet wird aber ein ganz besonderer Mensch, der bis heute neugierig und offen für alles ist, was sich in der Comicszene tut. Der nie von „guten alten Zeiten“ spricht, der seine Verdienste nicht in den Vordergrund stellt, der sich für junge Künstler*innen interessiert. In der Jury des Max und Moritz-Preises, der er von 2008 bis 2024 angehörte, konnten sich seine Mit-Juror*innen ein lebhaftes Bild davon machen. Wir danken heute Andreas C. Knigge mit einem Spezialpreis der Jury für seine Lebensleistung in Sachen Neunte Kunst!
Bodo Birk