Franz Suess

© R. Stevanovic

Die Menschen in seinen Comics treffen falsche Entscheidungen, nutzen Chancen nicht oder haben einfach nur Pech. Im Einzelnen hat das vermutlich jeder schon mal erlebt. Aber Franz Suess verdichtet die Misserfolge seiner Protagonist*innen und zeichnet deren Umwelt voller Tristesse und ohne Entwicklungschancen. Er schaut dahin, wo üblicherweise der Blick abgewendet wird.

Franz Suess wurde 1961 in Linz geboren und studierte dort Malerei und Illustration. Sein künstlerisches Schaffen ist vielfältig: Fotografie und Plastiken gehören genauso dazu, wie satirische Collagen für die Internetplattform „Raketa“. Zum Comic kam er erst im Alter von 50 Jahren und nannte sein erstes Buch nach dem Wiener Stadtteil, in dem er inzwischen lebt: „1160 Ottakring“. Dort trifft eine Kunstszene auf Arbeiter- und Villenviertel. Ottakring ist der Ort, der immer wieder zum Schauplatz der Comics von Franz Suess wird.

Die Menschen in den Comics von Franz Suess stehen unter Druck. Weil sie in einem Anfall von Wut gewalttätig werden wie in „Jakob Neyder“. Weil die Mutter sich verschuldet, um dem Sohn eine Aufnahmeprüfung an der Musicalschule zu ermöglichen wie in „Muttermal“. Oder weil sie einsam sind und Liebe suchen, wie in so vielen Geschichten von Franz Suess. Dass die Protagonist*innen immer wieder scheitern, liegt auch daran, dass es zu viele Herausforderungen gibt: Geldnot gehört genauso dazu wie selbstsüchtige Mütter, gleichgültige Mitmenschen oder sexuelle Identitäten, die nicht Mainstream sind.

Franz Suess seziert das Leben seiner Protagonist*innen mit feinem, messerscharfem Bleistiftstrich. Mitunter wirkt das, als würden die Portraitierten vom scharfen Strich verletzt oder deformiert. Dann wieder sind sie so diffus gezeichnet, dass sie kaum zu greifen sind. Es wirkt, als wolle Franz Suess die Vielschichtigkeit seiner Protagonist*innen aufzeigen. Das zeigt sich auch im fein austarierten Bildaufbau, in dem etwa die Gesichter von Mutter und Sohn zu einem verschmelzen. Die Frage nach Identität diskutiert Franz Suess nicht nur in der Story sondern auch in den Zeichnungen.

Bunt sind die Comics von Franz Suess selten. Die Sommerhausszenen aus „Jakob Neyder“ sind eine Ausnahme – so farbenfroh, dass sie hoffen lassen. Eine Hoffnung, die schnell ins Gegenteil kippt. Denn auch „Jakob Neyder“ ist ein Mosaikstein. Eine der vielen gescheiterten Menschen, die im Gesamtwerk von Franz Suess zum Porträt einer Klasse werden, die wegen ständiger Überforderungen kaum Aufstiegschancen hat.
Andrea Heinze