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Anke Feuchtenberger

© Julia Steinigeweg

Anke Feuchtenberger

www.ankefeuchtenberger.de

Laudatio von Brigitte Helbling:

Berlin 1990, kurz nach dem Mauerfall. Wir stellen uns Anke Feuchtenberger vor, wie sie durch ihre nach Westen nunmehr geöffnete Stadt streift, der Sohn, Leo, ein Kleinkind im Tragetuch, ein Kunsthochschulabschluss in der Tasche, eine beunruhigend offene Zukunft vor Augen, ein Können und eine Schaffenswut in sich, die uns schon mit den allerersten Bildern förmlich ins Gesicht sprangen. Einflüsse von tschechischen Kinderbüchern, russischer Avantgarde, DDR-Graphikern wie Volker Pfüller – was für ein radikal-eigenwilliger Blick sich damals mit ihr und vielen anderen (Ost und West im glücksvollen Ineinander!) in der neu vereinten Comic- und Graphikszene auftat.

Frühe Plakate, die Feuchtenberger nebst Bühnenbildern für das innovativ-experimentelle Theaterhaus Jena machte, hängen heute noch im Treppenhaus des Theaters, sofort erkennbar als ihr Werk. Erste Comic-Geschichten erschienen beim Verlag Jochen Enterprises, wo eine Zeit lang jeder und jede hinging, um dieses plötzlich neue, plötzlich grandios-eigenwillige Comic-Erzählen zu erleben – die älteren Comicfreunde nicht immer ganz sicher, ob das, was hier kam, tatsächlich noch „Comics“ waren ... Es roch nach Aufbruch, nicht nur in Berlin.

Grenzsprenger*innen waren in diesen ersten Jahrzehnten um die Jahrtausendwende auch im frankobelgischen Raum, in Italien, in Finnland, in der Schweiz unterwegs, in den USA ohnehin. Und Frauen, immer mehr Frauen drangen in eine Szene, in der bislang eher die Jünglingsfantasien dominiert hatten. Eine zunehmend international vernetzte Comic-Avantgarde erschloss sich das Glück des freien Falls – und des Fliegens. Und mittendrin, oft auch vorneweg, stand Anke Feuchtenberger mit Werken wie „Mutterkuchen“, „Somnambule“ „Das Haus“, „Der Palast“, „Die Hure H.“ (mit Katrin de Vries), „Die hollandische Schachtel“...

Jochen Enterprises gab es schon acht Jahre nach seiner Gründung 1992 nicht mehr, Feuchtenbergers weitere Comics erschienen unter anderem bei Reprodukt und der Edition Moderne, später auch in ihrem eigenen „MamiVerlag“, dessen wunderschön gearbeitete Bücher sie ab 2007 über zehn Jahre lang mit dem italienischen Comic-Künstler Stefano Ricci herausbrachte. Seit 1997 unterrichtet Feuchtenberger als Professorin an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, offiziell für Zeichnen und Medienillustration, in der Praxis immer mit dem Blick auf das Comic-Erzählen.

Aus dieser Lehre sind zahlreiche Comic-Künstler*innen und Comic-Innovator*innen hervorgegangen, prägende Gestalten einer nächsten „Avantgarde“, nicht wenige davon inzwischen selbst in der Lehre tätig. Michael Jordan. Birgit Weyhe. Sascha Hommer. Line Hoven. Arne Bellstorf. Jan Soeken. Marijpol. Alice Socal. Jul Gordon und viele mehr. „Niemand sonst setzt als akademischer Lehrer derzeit beim Zeichner*innennachwuchs solche künstlerischen Energien frei“, schrieb Andreas Platthaus über Anke Feuchtenberger.

Das mag auch daran liegen, dass diese Künstlerin und Professorin Lehre und Austausch mit Student*innen immer als Labor für die Erforschung von narrativem Neuland nutzt. Seit längerem kreisen Feuchtenbergers Erkundungen um den von ihr so benannten „Graphic Essay“. Wie könnte ein non-lineares Erzählen in der Nachfolge Montaignes aussehen? Wie ein Weltblick, der seinen Ursprung in der Bewegung des Zeichenstifts findet? Wie ein „allmähliches Verfertigen der Gedanken beim Zeichnen“?

Antworten darauf gibt Feuchtenbergers ganzes Werk, und neuerdings immer gezielter, traumhaft konkret ihre Graphic Essays aus Städten wie Rom oder Paris. Als eine andere Art von „Graphic Essay“ lässt sich auch der wabenartige, ungeheuer beeindruckende Altar „Tracht und Bleiche“ lesen, den Feuchtenberger 2018 für das Landesmuseum Münster schuf. Und demnächst, mit Neugier und Vorfreude erwartet: Das umfangreiche Werk, an dem die Künstlerin seit Jahren arbeitet: „Ein deutsches Tier im deutschen Wald“. Die Veröffentlichung steht bevor; erste Einblicke sind überwältigend.

Antworten geben aber auch viel beachtete Publikationen ehemaliger Student*innen wie Nacha Vollenweider oder Magdalena Kaszuba; und aktuell – just zum nicht stattfindenden Internationalen Comic-Salon 2020 – die wunderschöne Veröffentlichung im Zeitungsformat „Cartoline Da Qui“, die internationale Teilnehmer*innen mehrerer Workshops mit Feuchtenberger und Ricci vorstellt.

Schaffen und Fördern. Und dabei immer die Herausforderung an sich selbst im Blick behalten, tiefer eintauchen, weitersuchen, das graphische Erzählen nochmal neu und anders denken: Die Essenz einer Laufbahn, 30 Jahre einer Comic-Künstlerin, die jetzt, hochverdient den Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk der Max und Moritz-Jury erhält.
 

Buch-Veröffentlichungen von Anke Feuchtenberger (Auswahl):

  • Herzhaft lebenslänglich. Verlag Martin Barber. Berlin, 1992
  • Mutterkuchen. Jochen Enterprises. Berlin, 1995
  • Die kleine Dame. zus. mit Katrin de Vries. Jochen Enterprises. Berlin, 1997
  • Die Biographie der Frau Trockenthal. Jochen Enterprises. Berlin, 1999
  • Der Palast. Jochen Enterprises. Berlin, 2000
  • Die Skelettfrau. Büchergilde Gutenberg. Frankfurt, 2002
  • Die Hure H. zus. mit Katrin de Vries. Reprodukt. Berlin, 2003
  • Die Hure H zieht ihre Bahnen. zus. mit Katrin de Vries. Edition Moderne. Zürich, 2003
  • Hero und Leander. Edition Moderne. Zürich, 2003
  • Wenn mein Hund stirbt, mach ich mir eine Jacke. Quando muore il mio cane, mi faccio una giacca. Kikipost. Hamburg / Coconino Press. Bologna, 2005
  • Die Hure H wirft den Handschuh. zus. mit Katrin de Vries. Reprodukt. Berlin, 2007
  • wehwehweh.superträne.de, MamiVerlag. Quilow, 2008
  • Grano Blu. Canicola. Bologna, 2011
  • Die Spaziergängerin. Reprodukt. Berlin, 2012
  • King Lear. zus. mit Bruno Blume. Kwasi Verlag. Solothurn, 2016
  • Die hollandische Schachtel. Reprodukt. Berlin, 2016 [EA: MamiVerlag. Quilow, 2011]
  • Le Memorie della Menta Piperita. zus. mit Elena Morando. Else Edizioni. Rom, 2016
  • Somnambule. Reprodukt. Berlin, 2019 [EA: Jochen Enterprises. Berlin, 1998]
  • Das Haus. Reprodukt. Berlin, 2020 [EA: Reprodukt. Berlin, 2001]