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Esthers Tagebücher

© Riad Sattouf / Reprodukt

Esthers TagebüchervonRiad Sattouf

Übersetzung: Ulrich Pröfrock

Reprodukt

Leseprobe

Esther ist zehn und ein ganz normales Mädchen. Und doch ist sie Protagonistin einer ungewöhnlichen Comic-Serie. In „Esthers Tagebücher“ wird der franko-syrische Comic-Autor Riad Sattouf Esther, die Tochter eines befreundeten Paars, bis zu ihrem 18. Geburtstag begleiten und Jahr für Jahr aufzeichnen, was sie ihm erzählt.
Der erste Band umkreist Esthers Schule, beste Freundinnen und ausgewählte Feindinnen, den schwierigen älteren Bruder und andere doofe Jungs, Spielsachen, Klamotten und den Traum vom eigenen iPhone, Pop- und Reality-TV-Stars, er umkreist auch das Mobbing auf dem Pausenhof, Rassismus, Neid und Eifersucht … mit anderen Worten: Esther erzählt uns den ganz normalen Irrsinn und die konstante Überforderung im Teenager-Alltag. Daneben verblassen natürlich weltpolitische Erschütterungen wie die Anschläge in Paris oder die Wahl Trumps, die Esther nur am Rand wahrnimmt.
Das Leben eines Teenagers im westlichen Europa des 21. Jahrhunderts: Beschönigungen? Niedlichkeiten? Nein – Riad Sattouf bleibt auch in diesem Mädchenkosmos der genaue, scharfe, satirische Beobachter, den man aus seinen anderen Comics kennt.
Hierzulande wurde der 1978 geborene Sattouf dank des autobiographischen Bestsellers „Der Araber von morgen“ bekannt, in welchem er mit beißendem Humor sein Aufwachsen in Syrien schildert.
Ähnlich genau und unbestechlich bringt er uns auch Esthers Welt näher, wobei er konsequent in der Perspektive der Zehnjährigen bleibt. Esthers Blick wird nie gebrochen. Was sie nicht begreift oder falsch einschätzt, wird nicht reflektiert, sondern möglichst unmittelbar wiedergegeben. Dabei achtet Sattouf aber darauf, Esther nie vorzuführen, sondern ihr Vertrauen mit Respekt und Feinfühligkeit zu erwidern.
Esthers gleichermaßen naiver wie kritischer Blick entlarvt viele Ungereimtheiten, Widersprüche und Absurditäten – und darin liegt ein großes Potenzial zu haarsträubender Komik, die Riad Sattouf, in Frankreich längst als einer der großen Humoristen seiner Zeit gefeiert, zelebriert.
In zwanzig Jahren gehören „Esthers Tagebücher“ zur Standardlektüre angehender Soziologen; wir haben das Privileg, diese Serie sozusagen live zu lesen – und einiges zu erfahren über unsere Zeit.

Christian Gasser