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Madgermanes

© Birgit Weyhe – avant-verlag

MadgermanesvonBirgit Weyhe

avant-verlagErscheinungstermin: 23. Mai 2016

Leseprobe auf myComics.de

„Woraus speist sich Erinnerung?“ Mit dieser Frage beginnt Birgit Weyhes vor wenigen Tagen erst frisch aus der Druckerei gekommenes Comic-Buch „Madgermanes“, das auf den Untertitel „Graphic Novel“ auf dem Cover selbstbewusst verzichtet. Denn auch wenn die drei hier versammelten Erzählungen fiktiver Natur sind, so setzen sie sich doch zusammen aus Momenten gelebten Lebens, aus Erinnerungen, die Birgit Weyhe zu einer Art gezeichneter Dokumentation verdichtet hat, erzählt im Stil eines Tagebuchs. Oder wie ein Brief nach Hause, in eine weit entfernte Welt.
Madgermanes? So nennen sich in Mosambik diejenigen, die Ende der Siebziger als Vertragsarbeiter ins sozialistische Bruderland DDR kamen, wohl um die 20.000 Menschen. Mit dem Zusammenbruch der DDR erlosch ihre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Die meisten gingen zurück in die Armut des inzwischen vom Bürgerkrieg verwüsteten Mosambik, wo ihnen ihre Berufe nichts nützen und sie bis heute auf einen Teil ihrer Löhne warten. Denn ausbezahlt bekamen sie damals nämlich nur die Hälfte, die andere sollte später in Mosambik folgen. Birgit Weyhe, selbst in Uganda und Kenia aufgewachsen, hat über Jahre hinweg mit Madgermanes gesprochen und dieses Kapitel auch unserer Geschichte jetzt in ihrem neuen Buch fulminant ausgeleuchtet.
Erinnerung – woraus die sich speist, erfasst Birgit Weyhe mit ebenso einfühlsamem wie präzisem Auge und erlaubt uns so den Blick auf einen Alltag zwischen den Kulturen, Leben ohne jede Verankerung. „Was mache ich nur hier?“, fragt sich an einer Stelle etwa José Antonio Mugande, einer ihrer drei Protagonisten. „So weit weg von allem, was ich kenne. Von allem, was ich liebe. Werde ich mich hier jemals heimisch fühlen?“ Birgit Weyhe spürt den Gefühlen und Umständen nach und setzt sie vor allem deshalb so überwältigend ins Bild, weil sie auch zeichnerisch in einen Dialog tritt zwischen europäischer und afrikanischer Kultur. So eröffnet sich eine überraschend neue, kunstvolle Reflexionsebene und das Thema und seine grafische Inszenierung verschmelzen eindrucksvoll auf höchst prägnante Weise.