Nachruf auf Paul Derouet

© elpolm studio, 2018

Die deutsche und die deutsch-französische Comic-Szene verliert einen ihrer wichtigsten Förderer, Vernetzer und Brückenbauer

Am frühen Morgen des 22. Mai ist Paul Derouet nach langer und schwerer Krankheit in seiner nun wieder französischen Heimat im Kreise seiner Töchter friedlich eingeschlafen. „Je suis prêt. Ich finde, ich hatte ein interessantes Leben. C’est la fin, c’est tranquille.“ So verabschiedete er sich von seiner Familie und seinen Freund*innen.

Paul Derouet wurde 1947 in El Jadida in Marokko geboren. Während seines Studiums gehörte er zu den Aktivisten der 68er-Proteste in Paris, er lernte Ariane Mnouchkine und Jean-Paul Sartre kennen. Nach seinem Studium arbeitete er einige Jahre als Sonderschullehrer in Nîmes. 1980 führte ihn die Liebe nach Deutschland, wo er zusammen mit Hartmut Becker die Zeichner*innen-Agentur Becker-Derouet gründete. Später vertrat er etablierte Künstler*innen wie Nachwuchszeichner*innen mit seiner Agentur Contours.

Paul Derouet gehörte zu der Gründergeneration des Internationalen Comic-Salons Erlangen und blieb dem Festival bis zuletzt aufs engste verbunden. Erlangen verdankt ihm unzählige legendäre Einzel-Ausstellungen, unter anderem von Jean Giraud (alias Moebius), Lorenzo Mattotti und Jacques Tardi sowie große Gruppenausstellungen wie „Manhua – Comic im China von heute“ oder „Illustration der Geschichte. Comics aus der arabischen Welt“, Großprojekte für die er ausgedehnte Recherchereisen in die entsprechenden Kulturkreise unternahm. Schon 1986, als es in Deutschland noch keinerlei Comic-Ausbildung gab, gründete Paul Derouet das deutsch-französische Zeichner-Seminar, das bis heute unter dem Namen Internationales Comic-Seminar jährlich in Erlangen stattfindet und aus dem zahlreiche deutsche Comic-Stars hervorgegangen sind.

Vor allem aber war und ist Paul Derouet ein in Frankreich wie in Deutschland hoch geachteter und beliebter Brückenbauer, Vernetzer und Ermöglicher, als Übersetzer, Agent, Kurator, Berater und großzügiger, aber bescheidener Förderer im Hintergrund. Im Jahr 2018 wurde er mit dem Spezialpreis der Jury des Max und Moritz-Preises ausgezeichnet. Isabel Kreitz, eine Künstlerin, die eine enge Freundschaft mit Paul Derouet verband, beendete ihre Laudatio damals mit folgenden Worten:

„Obwohl ich dann doch nicht die Nachfolgerin von Franquin geworden bin, weiß ich, drei Seminare und zwei Jahrzehnte später, wie viel ich von Pauls Optimismus und seiner Arbeit profitiert habe. Dass es heute eine nennenswerte deutsche Comicszene gibt, ist auch Paul Derouet zu verdanken, der so viele Zeichner*innen entdeckt, motiviert und gefördert hat, die heute von Ihnen gelesen, gedruckt, ausgestellt und rezensiert werden. Wenn nun alle Zeichner*innen, Verleger*innen, Redakteure*innen, Comic-Händler*innen und -Leser*innen, die sich angesprochen fühlen, vielleicht einmal kurz aufstehen ... Dann wird man einen Eindruck davon bekommen.

Lieber Paul, vielen Dank von uns allen!“