Posy Simmonds

© Eric Garault

Posy Simmonds

Posy Simmonds (*1945) ist die Grande Dame der britischen Comicszene – und doch alles andere als eine typische Comicautorin. Ihre erste Graphic Novel „Gemma Bovery“ veröffentlichte sie erst 1999. Da hatte sie bereits eine lange und überaus erfolgreiche Karriere als Kinderbuchautorin, Cartoonistin und Comicstrip-Zeichnerin hinter sich.

Sie arbeitete ab 1968 zunächst als Cartoonistin und Illustratorin für Publikationen wie The Sun, The Times und Cosmopolitan, ehe sie in der Mitte der 1970er-Jahre zur Tageszeitung The Guardian stieß, mit der sie bis heute verbunden ist. Dort veröffentlichte sie ab 1977 den täglichen Comicstrip „The Silent Three of St Botolph's“, in welchem Simmonds den Alltag dreier Freundinnen mittleren Alters beobachtete und die britische Mittelklasse auf die Schippe nahm.

Den internationalen Durchbruch erlebte Posy Simmonds mit drei literarisch grundierten Graphic Novels, in deren Mittelpunkt eigenwillige Frauen stehen: „Gemma Bovery“ (1999, deutsche Veröffentlichung 2011) ist eine Aktualisierung von Flauberts „Madame Bovary“, „Tamara Drewe“ (2007, deutsche Veröffentlichung 2010) lehnt sich an Thomas Hardys „Am grünen Ende der Welt“ an und „Cassandra Darke“ (2018, deutsche Veröffentlichung 2019) spielt mit Verweisen auf Charles Dickens.

Simmonds sehr britischer, feiner und zugleich fieser Humor durchwirkt auch ihre Graphic Novels: Treffsicher verspottet sie die Unzulänglichkeiten, die Träume und die Erbärmlichkeit von Mittelklasse, Kunstschickeria, Social-Media-Prominenz, sie entlarvt Mittelmaß, Heuchelei, Gier und Selbstlügen und karikiert aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. Auffällig ist die psychologische Raffinesse ihrer Figurenzeichnung. Mit elegantem und plastischem Federstrich überzeichnet sie ihre Figuren subtil und fängt ihre Mimik und Körpersprache so genau ein, dass wir mehr über sie erfahren, als sie uns preisgeben möchten.

Beeindruckend ist auch, wie virtuos Posy Simmonds große Figurenensembles, mehrere Erzählperspektiven und in gewissen Fällen auch Zeitebenen verknüpft. Um der Komplexität der Story und ihrer Figuren gerecht zu werden, verbindet Simmonds Text und Bild anders als im klassischen Comic: Zwischen Bildfolgen stellt sie erzählende Textpassagen; neben Dialogen und Monologen arbeitet sie auch mit E-Mails und SMS und baut Zeitungsartikel und Internetseiten ein.

Mit ihren grafischen Romanen erweiterte Posy Simmonds den Spielraum und die Subtilität der Graphic Novel und etablierte sich als eine der modernsten und raffiniertesten zeitgenössischen Comicautorinnen. (Christian Gasser)

Comics in deutscher Sprache (Auswahl):

  • Tamara Drewe (Übersetzung: Uli Pröfrock). Reprodukt, Berlin 2010
  • Gemma Bovery (Übersetzung: Annette von der Weppen). Reprodukt, Berlin 2011
  • Cassandra Darke (Übersetzung: Sven Scheer). Reprodukt, Berlin 2019
  • Fred (Neuausgabe; Übersetzung: Annette von der Weppen). Reprodukt. Berlin, Juli 2026

 

Kinderbücher in deutscher Sprache (Auswahl):

  • Lulu und die fliegenden Babys (Übersetzung: Erica Ruetz). Diogenes, Zürich 1990
  • Schokoladenhochzeit (Übersetzung: Erica Ruetz). Diogenes, Zürich 1991
  • Fred (Übersetzung: Christina Diaz). Diogenes, Zürich 1994
  • Polly, Jack und der Büffel (Übersetzung: Erica Ruetz). Diogenes, Zürich 1996
  • Das Bibber-ABC (Übersetzung: Erica Ruetz und Winfried Stephan). Diogenes, Zürich 1997
  • Die Katze des Bäckers (Übersetzung: Erica Ruetz). Diogenes, Zürich 2004

 

Preise und Auszeichnungen (Auswahl):

1980 – Cartoonist of the Year
1982 – Cartoonist of the Year
1998 – National Art Library Illustration Award
2002 – Ernennung zum Member of the British Empire
2009 – Prix de la critique du festival d'Angoulême für „Tamara Drewe”
2024 – Grand Prix de la Ville d’Angoulême für ihr Lebenswerk
2026 – Max und Moritz-Preis für ein herausragendes Lebenswerk