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Zeitreise in die Wälder von Québec

Régis Loisel und Jean-Louis Tripp haben lange in Kanada gelebt und dort mit dem Epos „Das Nest“ ein nostalgisches Alterswerk geschaffen. In diesem Jahr erscheint die lange vergriffene Erzählung als Gesamtausgabe auf Deutsch

Ein eisiger Wind wirbelt den Schnee durch die Straßen. Die wenigen Menschen, die an diesem Wintertag in Montréal zu Fuß unterwegs sind, versinken bis zu den Knien. Ich erreiche die Tür eines unscheinbaren Häuschens, schüttele Schnee und Eis von der Kleidung, steige in eine mit Bildern und Skulpturen gefüllte Atelierwohnung in der ersten Etage hinauf und werde von zwei graubärtigen Männern in Holzfällerhemden und Lederwesten empfangen.

So war das damals, vor zehn Jahren, als die Comic-Autoren Régis Loisel und Jean-Louis Tripp mich in ihrer Wahlheimat willkommen hießen. Es hatte etwas von einer Zeitreise. An jenem Wintertag in der Hauptstadt der frankokanadischen Provinz Québec fühlte man sich, als sei man in jener Welt gelandet, die das aus Frankreich stammende Duo in seinem nostalgischen Comic-Epos „Das Nest“ erschaffen hat.

Die von 2006 bis 2014 veröffentlichte Serie, deren neun großformatige Bände ab Herbst 2020 gesammelt bei Carlsen neu aufgelegt werden, spielt in einem Dorf im Québec der 1920er Jahre. Die Menschen leben ein einfaches, von engen Traditionen, der rauen Natur und den unbarmherzigen Jahreszeiten bestimmtes Leben. Bis eines Tages ein Fremder in Notre-Dame-des-Lacs auftaucht, sich bei einer jungen Witwe einquartiert und die althergebrachte Ordnung durcheinanderbringt.

Ein Bruch mit alten Vertrautheiten war damals auch der Umzug der zwei Franzosen nach Québec, wie sie im Interview beim Tee erzählten. Die beiden, die seit langem gut befreundet sind, hatten sich in den Jahrzehnten zuvor als feste Größen der europäischen Comiclandschaft etabliert, vor allem Loisel ist mit Fantasy-Serien wie „Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit“ – die in diesem Jahr bei Carlsen ebenfalls neu aufgelegt wird – und „Peter Pan“ weit über Frankreich hinaus erfolgreich.

Nach der Jahrtausendwende hatten sie dann genug vom Alltag in den vertrauten Bahnen und entdeckten die lebensfrohe Metropole Montréal für sich. „Wir suchten ein gemeinsames Projekt, das mit unserer neuen Heimat zu tun hat“, erzählte Loisel damals beim Besuch in ihrem Atelier. Beide verehren den Regisseur Frank Capra, der in Filmen wie „Ist das Leben nicht schön?“ den kleinstädtischen Alltag einfühlsam und mit einer Prise Sozialkritik schilderte. „In diesem Geist entwickelten wir unsere Geschichte“, sagte Tripp.

Die beiden wechselten sich im Gespräch ab, ergänzten einander, wenngleich man merkte, dass Loisel die wichtigsten Akzente setzt. Tripp verfeinerte und schmückte aus – im Interview ebenso wie bei der Arbeit an „Das Nest“. Québec mit seinen schier endlosen Wäldern und oft bis heute isolierten Gemeinschaften erschien ihnen der perfekte Rahmen, um eine Geschichte zu entwerfen, die sich mit viel Liebe zu den Figuren und psychologischem Einfühlungsvermögen zu einer großen grafischen Erzählung entfaltet hat.

Im Mittelpunkt des Comics steht die komplexe Beziehung der Witwe Marie zu dem geheimnisvollen Neuankömmling Serge, einen mindestens ebenso großen Raum nehmen zahlreiche Nebenhandlungen und die Beschreibung des Alltags der Dorfbewohner ein. Es wird getanzt und gefeiert, gejagt und gegessen, und hin und wieder gibt es archaisch anmutende Konflikte und überraschende Gefühlsausbrüche. Auf sechs Bände war das Epos einst angelegt. „Inzwischen haben die Charaktere ein Eigenleben entwickelt und wir brauchen mehr Zeit und Platz, ihnen zu folgen“, sagte Tripp damals beim Interview. So wurden es am Schluss neun Bände, bis alles erzählt war. Die werden nun in drei Sammelbänden sukzessive neu aufgelegt.

Es war für die beiden Hinzugezogenen eine Gratwanderung, die Geschichte gerade hier anzusiedeln, im von langen Traditionen geprägten Québec. „Die Beziehung der Franzosen zu den Québecern ist eng und schwierig“, sagte Tripp damals. „Es ist eine Mischung aus Liebe und Hass, wie Vater und Sohn.“ Einerseits gibt es zwischen der einstigen Kolonie und dem Mutterland bis heute enge emotionale Verbindungen, andererseits hat sich jede Region im Laufe der Jahrhunderte anders und nicht immer zur Freude des anderen entwickelt.

Den Unterschied merkten die beiden auch an der Sprache und der Alltagskultur, die sie für ihre Geschichte beschreiben. „Vor allem die Schimpfworte sind völlig anders“, sagte Tripp. Dann spulten beide lachend eine Reihe von typischen québecer Flüchen ab, die allesamt von religiösen Begriffen abstammen – Überbleibsel der einst alles dominierenden katholischen Kirche in diesem Teil der Neuen Welt. „Bei uns in Frankreich benutzt man viel öfter Schimpfworte mit sexuellem Bezug, die würden hier niemandem über die Lippen gehen“, lachte Tripp.

Um sicherzugehen, hatten sie für ihr Buch lange recherchiert, Sprachwissenschaftler und Völkerkundler aus der Region hinzugezogen. Bei der Beschreibung des Dorflebens konnten die beiden allerdings auch aus der eigenen Jugenderinnerung schöpfen: „Wir sind beide auf dem Land groß geworden“, sagte Loisel. Und so sehr unterscheide sich der französische dann doch nicht vom québecer Dorfalltag. „Mit diesem Buch haben wir Teile unserer Kindheit wieder belebt.“

Nur eines dürften Loisels Fans in dem epischen Alterswerk vermissen: üppige und wenig bekleidete Frauenkörper, sonst sein Markenzeichen. „Wir erzählen zwar auch eine erotische Geschichte“, erklärte Loisel. „Aber es geht um Gefühle, nicht um Körperliches.“ Dazu kommt ein praktischer Grund: „Wir wollten so viele Leser wie möglich erreichen.“ So werde „Das Nest“ im Geschichtsunterricht an québecer Schulen eingesetzt. „Da musste ich mich mal ein bisschen zurücknehmen.“

Zehn Jahre haben die beiden Franzosen insgesamt an dem Epos gearbeitet. Ihre Verbindung mit Kanada haben sie inzwischen wieder etwas gelockert, wie Tripp Anfang 2020 auf Nachfrage berichtet. Régis Loisel sei vergangenes Jahr wieder ganz nach Frankreich gezogen und lebe inzwischen in der Loire-Region südwestlich von Paris. Er selbst, sagt Tripp, pendele seit fünf Jahren zwischen Montréal und Süd-Frankreich. Dort verbringe er sechs Monate im Jahr in einem kleinen Dorf in der Region Corbières. Den Rest des Jahres lebt und arbeitet er aber immer noch in Montréal.

„Nach zwölf Jahren in Québec hatte ich einen Punkt erreicht, an dem ich das mediterrane Lebensgefühl vermisst habe“, sagt Tripp. Das Meer, die Landschaft, die Gerüche von Thymian und Lavendel im Sommer, die Zypressen, die Weinfelder, die römischen Ruinen, die mittelalterlichen Schlösser - „all die Spuren unserer langen Geschichte in Europa.“ Das gemeinsame Atelier in Montréal haben die beiden inzwischen aufgelöst, Tripp lebt und arbeitet heute, wenn er in Kanada ist, in einer Wohnung im Stadtteil Mont-Royal, nicht weit vom Olympiastadion entfernt. Aus seinem Fenster habe er einen spektakulären Blick auf die Skyline der Stadt, schwärmt er.

Er und Loisel seien froh, dass „Magasin général“, wie „Das Nest“ auf Französisch heißt, jetzt neu aufgelegt werde, erst in Frankreich und nun auch in Deutschland. „Wir beide sind sehr stolz darauf“, sagt Jean-Louis Tripp. „Die Geschichte hat alle unsere Erwartungen bei weitem übertroffen.“ Und es sei auch die Geschichte ihrer tiefen Freundschaft: „Zehn Jahre gemeinsamer Arbeit ohne einen einzigen Konflikt.“

Von Lars von Törne