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Von Palookaville nach Dominion

© Lars von Törne

Der Zeichner Seth hat in rund 30 Jahren ein nostalgisches Parallel-Kanada geschaffen. Nun erscheint sein zentrales Werk komplett auf Deutsch

Palookaville findet man auf keiner Landkarte. Wer es besuchen will, setzt sich in Toronto in einen Greyhound-Bus und fährt eine Stunde Richtung Süden. In dem Studentenstädtchen Guelph steigt man aus, überquert ein paar Straßen. Ein alter, roter Backsteinbau ist das Ziel der Reise. An der Tür ein Messingschild: „Palookaville“. Es öffnet ein schlanker Mann mit dicker Hornbrille, Anzug mit Weste im Stil der 20er Jahre. Er lächelt schüchtern und führt den Besuch in eine dunkle Wohnung im Erdgeschoss, die mit Möbeln, Spielzeug, Büchern und Bildern vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts vollgestellt ist.

Ein Museum als Zuhause: Willkommen in Seths Welt. 15 Jahre ist dieser Besuch inzwischen her, seitdem ist das Werk des Zeichners kontinuierlich in verschiedene Richtungen gewachsen. Im Zentrum steht aber nach wie vor „Palookaville“, so heißt die Sammlung von Comicerzählungen, die Seth seit fast 30 Jahren in unregelmäßig erscheinenden Fortsetzungen im Verlag Drawn & Quarterly veröffentlicht. Anfangs in dünnen Heftchen, der bislang letzte Band Nummer 23 hatte mehr als 100 Seiten und erschien in Buchform.

Der Titel ist eine Anlehnung an ein Zitat von Marlon Brando, der mit diesem Wort im Film „Die Faust im Nacken“ einen mysteriösen, von Verlierern bevölkerten Ort bezeichnet hat. Palookaville ist aber auch ein Synonym für das kleine Paralleluniversum, in das sich der Künstler Seth zurückgezogen hat, weil ihm die moderne Welt suspekt ist.

„Hier fühle ich mich geborgen“, sagt Seth, der eigentlich Gregory Gallant heißt, aber schon lange den Spitznamen aus Studententagen als Künstleridentität angenommen hat. Behutsam schiebt er den Besucher in das abgedunkelte Wohnzimmer. Mit liebevoller Geste zeigt er über alte Puppen im Regal, über ein Grammophon, ein altes Röhrenradio, historische Spielzeugautos und gerahmte Zeitungsausschnitte vergangener Epochen. Aus diesem Rückzugsraum heraus, den er nur mit seiner Frau Tania und ein paar Katzen teilt, verbreitet Seth seine Sicht auf die Welt in Form von nostalgischen Illustrationen, Büchern, Zeichnungen, Comic-Heften und Werbegrafiken.

In Nordamerika zählt er seit Jahren zu jenem Dutzend Grafiker und Zeichner, die die Kunst der Illustration und des anspruchsvollen, literarischen Comics auf eine neue Stufe gehoben haben. Seine Zeichnungen schmücken Titelseiten des „New Yorker“ und anderer Zeitschriften, dazu DVDs wie eine Neuauflage von Charlie Chaplins „City Lights“ oder eine CD der Sängerin Aimee Mann, Comic-Zeitschriften widmen ihm Schwerpunkthefte.

In den vergangenen 15 Jahren sind vier seiner grafischen Erzählungen in Deutschland erschienen, bis zum Sommer 2020 will der Verlag Edition 52 auch Seths Opus Magnum auf Deutsch veröffentlichen, das melancholische Brüderdrama „Clyde Fans“. Dessen einzelne Folgen sind über die Jahre in „Palookaville“ erschienen und wurden 2019 von Drawn & Quarterly als fast 500-seitiger Sammelband veröffentlicht. Für die französische Ausgabe wurde Seth Anfang 2020 beim Festival International de la Bande Dessinée d'Angoulême mit einem Spezialpreis geehrt.

Viele Comicleser kennen Seths Strich auch aus einem anderen Kontext: Er hat die „Peanuts“-Gesamtausgabe des US-Verlages Fantagraphics gestaltet, die in den vergangenen Jahren auf Deutsch bei Carlsen erschienen ist. Für die Arbeit an diesem Projekt, das die zeichnerische Handschrift von Charles M. Schulz elegant mit Seths grafischem Stil verbindet, erhielt der Kanadier 2005 in der Kategorie „Bestes Publikations-Design“ einen der begehrten Eisner Awards, die als Oscars der Comicbranche gelten.

Für einen Mann, der in den 1980ern die Kunsthochschule in Toronto besuchte, dort erst Teil der Punk- und dann der Comicszene wurde, wirkt Seth überraschend altmodisch und etwas schrullig, dessen ist er sich bewusst. „Ich glaube, meine Besessenheit für alles, was alt ist, lässt sich am besten so erklären“, sagt er beim Interview, während eines der seltenen Lächeln über sein ansonsten stets nachdenkliches Gesicht huscht: „Ich hatte alte Eltern.“ Er lehnt sich in seinem Ledersessel zurück und erzählt, dass er der Nachzügler der Familie war, zur Welt gekommen, als die Geschwister bereits aus dem Hauswaren. „So wuchs ich als Kind in einer isolierten, altmodischen Welt auf, ohne es wirklich zu merken.“

Als er 20 war, begann er sich ganz bewusst im Stil der 1920er Jahre zu kleiden, sammelte fortan Dinge aus jener Zeit und weigerte sich, CD-Spieler, Computer oder gar moderne Verlängerungskabel zu benutzen. Heute ist die Obsession einer milderen ästhetischen Zuneigung für die alten Zeiten gewichen, er hat inzwischen sogar einen CD-Spieler und man kann ihn per E-Mail erreichen.

„Ich mag die moderne Welt nicht“, sagt er kategorisch, „also flüchte ich mich in einen Kokon.“ Das klingt ein bisschen nach Koketterie, aber Seth meint es ernst. „Ich fühle mich wie ein Anachronismus, ein Überbleibsel aus einer anderen Welt, in der man zeichnete, statt mit Computern zu arbeiten.“ Er schwärmt vom Design und der Qualität, die vor 90 oder 100 Jahren üblich waren. Das ist aber nur die Oberfläche, sagt er selbst. Dahinter verbirgt sich eine unerfüllte Sehnsucht nach einem „Goldenen Zeitalter“, in dem das Leben irgendwie besser war als heute, oder zumindest klarer strukturiert.

In seinen Geschichten spiegelt sich diese nostalgische Melancholie wider. Seine wichtigsten Comicerzählungen, die autobiografische Graphic Novel „Eigentlich ist das Leben schön“ und „Clyde Fans“, sind Hommagen an die Vergangenheit. „Clyde Fans“ erzählt in ruhig durchkomponierten Bildern die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die Ventilatoren verkaufen und nach und nach erkennen müssen, dass ihr Geschäft im Zeitalter der Klimaanlage vom Untergang bedroht ist. „Eigentlich ist das Leben schön“ erzählt von einem jungen Zeichner, der sich auf die Suche nach einem Cartoonisten der 30er Jahre macht, die zu einer Reise ins Ich gerät. Beide Erzählungen haben einen elegischen Grundton, der harmoniert mit Seths Hang zu gedämpften Pastelltönen und klaren Linien im Stil alter Zeitungscartoons. Die Handlung ist für ihn der Rahmen, in dem er sich mit dem beschäftigt, was ihn am meisten bewegt: Die Gedanken und Gefühle seiner Charaktere. „Was mich interessiert, sind die Dinge, die nicht greifbar sind“, sagt Seth. „Es geht mir um die Erfahrung, wie es sich anfühlt zu leben.“ Und es geht ihm darum, in einer schnelllebigen Zeit an der Ruhe und Ästhetik vergangener Epochen festzuhalten.

In diesem Stil hat er über die Jahre weitere Bücher veröffentlicht, die in einem sepiafarbenen Paralleluniversum voller kauziger Charaktere angesiedelt sind. Viele von Seths Geschichten spielen in der fiktiven Kleinstadt Dominion City, die seinem realen Wohnort Guelph ähnelt, darunter die auch in deutscher Übersetzung vorliegende Biografie des gierigen Comicsammlers Wimbledon Green, einer fiktiven Figur, sowie die Erzählung „Vom Glanz der alten Tage“, die in eine zentrale Institution Dominions einführt: die „Great Northern Brotherhood of Canadian Cartoonists“.

Diese Bruderschaft der kanadischen Comiczeichner, so macht Seth uns glauben, war einst eine der Säulen des gesellschaftlichen Lebens der Stadt, ihr Vereinsheim über Jahrzehnte ein kulturelles Zentrum Kanadas. Trotz des humoristischen Grundtons ist das Buch auch eine tiefgründige Auseinandersetzung damit, was die Kunstform Comic besonders macht – und wieso sie es so schwer hat, anerkannt zu werden. Das ist mit liebevollen Details ausgeschmückt, aber dank Seths Fähigkeit zur Selbstironie gleitet es nicht in Kitsch ab, auch wenn man zwischendurch meint, den Autor seufzen zu hören.

Dominion gibt es inzwischen auch als dreidimensionale Stadt – gebaut aus Pappe und von Seth liebevoll bemalt und ausgeschmückt. Rund 100 Häuser umfasst seine fiktive Stadt bereits, jedes etwas größer als ein Schuhkarton. Normalerweise lagern die im Keller seines Hauses. Aber 2019 konnten Seth-Fans und Kunstinteressierte die Modellstadt über mehrere Monate im Detail studieren: Das Kunstmuseum in Seths Heimatstadt, die Art Gallery of Guelph, hatte dem Zeichner eine große Ausstellung gewidmet, ein Kernstück der Schau waren die Gebäude von Dominion.

Eine besondere persönliche Bedeutung für Seth hat zudem sein Buch „Bannock, Beans and Black Tea“, das bislang noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen ist. Das war eine Zusammenarbeit mit seinem Vater: Der alte Mann hat sich an seine entbehrungsreiche Jugend in den 20er und 30er Jahren an der kanadischen Ostküste erinnert, sein Sohn lieferte dazu die Illustrationen – entstanden ist ein künstlerisch wie historisch faszinierendes Zeitdokument.

Seth ist kein glücklicher Mensch, wie er selbst mit schonungsloser Offenheit zugibt, sondern ein Suchender. Schon als Jugendlicher fühlte sich der introvertierte Junge von der Welt ausgeschlossen. „Ich habe mir dann eine äußere Hülle zugelegt, die mit Leuten umgehen kann – aber mein wirkliches Ich will sich nach wie vor zurückziehen.“ Diese Ambivalenz gilt auch für Seths Figuren. Sie sind entweder ganz direkt dem Autor nachempfunden, wie in „Eigentlich ist das Leben schön“, oder tragen zumindest einen großen Anteil an Sethschen Eigenschaften in sich, wie die meisten anderen seiner Charaktere.

Die Brüder in „Clyde Fans“ stehen für die beiden widerstreitenden Pole in seinem Inneren, sagt Seth: „Der eine kann mit der Welt umgehen, der andere will sich verstecken. Genauso ambivalent sieht es in mir aus.“ Das Bedürfnis nach Öffentlichkeit für seine Arbeit erklärt Seth mit schonungsloser Selbstanalyse so: „Ich will von den Menschen geliebt werden. Also muss ich kommunizieren. Zugleich will ich mich zurückziehen, also kommuniziere ich über meine Bücher, hinter denen ich mich gleichzeitig verstecken kann.“ Zum Abschied huscht noch einmal ein Lächeln über sein hageres Gesicht. Ein wenig scheint er froh, über seine Arbeit reden zu können; gleichzeitig wirkt er erleichtert, dass die Begegnung mit der Außenwelt überstanden ist und er jetzt wieder seine Ruhe hat.

Von Lars von Törne