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„Viele Leute wissen nicht mal, dass wir aus Kanada sind“

© Lars von Törne

Die Gründer des Verlages Éditions de La Pastèque über die besonderen Herausforderungen ihrer Branche

Nicht nur in Kanada gilt er als einer der wichtigsten französischsprachigen Verlage für anspruchsvolle Autorencomics. Auch in Europa werden viele der Künstlerinnen und Künstler geschätzt, deren Werke bei Éditions de La Pastèque erscheinen: Isabelle Arsenault, Michel Rabagliati, Juliette Rocheleau, Cathon, Pascal Girard und andere. Auch die Bücher von Guillaume Perreault erscheinen hier – der québecer Zeichner hätte beim Internationalen Comic-Salon Erlangen dieses Jahr, im Rahmen des Kindercomicfestivals, eine Ausstellung rund um sein Buch „Der Weltraumpostbote“, das im Frühjahr in deutscher Übersetzung bei Rotopolpress erscheint, gestaltet. Die Zentrale des 1998 von Martin Brault und Frédéric Gauthier gegründeten Verlages beherbergt inzwischen auch eine kleine Galerie und einen repräsentativen Buchladen in einem angesagten Viertel Montréals, dort haben wir die beiden Verlagsgründer zum Interview getroffen.

Wieso habt ihr euren Verlag eigentlich „La Pastèque“ genannt – was auf Deutsch Wassermelone bedeutet?

Martin: Damals, 1998, war es unter neuen Comicverlagen angesagt, sich Namen zu geben, die irgendwas mit Comics zu tun haben. Das war uns zu klischeehaft und beschränkend.

Frédéric: Wir haben fünf Minuten diskutiert und dann gesagt: Der Name funktioniert.

Wie sah die Comicszene in Québec damals Ende der 90er Jahre aus?

Frédéric: Sehr viel Selbstverlegtes, viele Fanzines. Es gab keine professionelle Szene für Autorencomics. Das war ein schwieriger Markt für Kanadier. Wir wurden seit jeher überschwemmt mit Comic-Heften aus den USA einerseits und Comic-Alben aus Frankreich andererseits. In den Buchläden gab es zudem kaum Möglichkeiten Comics in Buchform unterzubringen. Erst langsam begannen Verlage wie Drawn&Quarterly, das zu ändern.

Martin: In Frankreich, unter anderem bei L’Association, wagte man sich mehr und mehr an neue Formate. Das war sehr inspirierend für uns. Zuvor waren Comics in Québec anders ausgerichtet, in den 80er Jahren war zum Beispiel die Humor-Zeitschrift „Croc“ sehr wichtig, die ein bisschen an „Mad“ erinnerte und damals vielen heimischen Comicschaffenden ein Forum bot. In guten Jahren hatte sie eine Auflage von 300000 Exemplaren. Aber Mitte der 90er Jahre brach dieser Markt ein. Zu dieser Zeit gab es viele gute Zeichner in Québec, aber kaum Möglichkeiten zu veröffentlichen.

Frédéric: Wir arbeiteten damals in Comicläden und kannten die Arbeiten von Zeichnern wie Michel Rabagliati und anderen. Wir fingen an, die Bücher von L’Association zu importieren, entdeckten Zeichner wie Guy Delisle, David B. und Lewis Trondheim. Als Verleger begannen wir mit einer Anthologie namens „Sputnik“. Sie enthielt Arbeiten von etablierten Zeichnerinnen und Zeichnern aus Frankreich und den USA sowie jungen Künstlerinnen und Künstlern aus Québec. Es war eine Art Laboratorium – auf Englisch und Französisch, denn wir wussten, der US-Markt ist wichtig. Anfangs arbeiteten wir nur mit einem Vertrieb in den USA zusammen, später bauten wir einen Vertrieb in Frankreich und Belgien auf. Heute verkaufen wir unsere Bücher im ganzen frankophonen Markt.

Seit wann seid ihr ein professioneller Verlag?

Martin: Seit etwa 2004, da markierten die sehr guten Verkaufszahlen von Michel Rabagliatis „Paul en appartement“ einen Wendepunkt. Wir konnten es uns leisten, Gehälter zu zahlen und es wurde ein richtiger Job.

Frédéric: Zu Beginn hatten wir zwar einen Businessplan und eine Vertriebsstrategie, aber wir hätten nie gedacht, dass es sich mal so gut entwickelt wie jetzt. Zunächst haben wir nur ein bis zwei Bücher im Jahr gemacht. Nach 2004 mussten wir professioneller werden, danach lief’s.

Martin: Heute haben wir neun Beschäftigte und veröffentlichen 25 bis 30 neue Titel im Jahr. Die Hälfte sind Comics, die andere Hälfte Kinderbücher. Die meisten Zeichnerinnen und Zeichner sind aus Kanada, etwa drei Viertel, aber wir arbeiten auch gerne mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt zusammen.

Frédéric: Wir haben inzwischen auch einige große Talente aus Frankreich, die wir verlegen. Witzigerweise haben die uns von sich aus angesprochen. Unsere Bücher werden in Frankreich nicht als Bücher aus Québec wahrgenommen, sondern vor allem als gute französischsprachige Comics und Kinderbücher.

Martin: Viele Leute wissen nicht mal, dass wir aus Kanada sind. Wir haben auch einige Mitarbeiter in Paris und sind sehr präsent auf Festivals in Frankreich, Belgien und der Schweiz.

Was ist aus eurer Sicht das Spezifische an kanadischen Comics?

Martin: Es sind die gemischten Einflüsse der US-Comics und der traditionellen Bandes Dessinées aus Frankreich, die hier zusammenkommen. Als wir in den 70er und 80er Jahren aufwuchsen, las man als Kind „Tim und Struppi“ und Marvel-Comics parallel. So etwas prägt.

Frédéric: Jüngere québecer Zeichnerinnen und Zeichner haben inzwischen allerdings eine ganz eigene Sprache entwickelt. So wie Michel Rabagliati, der die Realität unseres Lebens in Québec und Kanada in seinen Büchern behandelt.

Martin: Michel hat in den vergangenen Jahren eine Tür für eine Vielzahl seiner Kollegen geöffnet. Und er hat vielen Bewohnern von Québec, die vorher kaum Comics gelesen haben, einen Zugang zu dieser Art von Geschichten eröffnet. Sein jüngstes Buch hat eine Auflage von 45000 Exemplaren – eines der erfolgreichsten Bücher der Saison. Normalerweise verkaufen wir von einem Buch um die 3000 Exemplare, das gilt hier schon als Bestseller. Québec ist eben ein kleiner Markt, wobei in der Regel die Hälfte unserer Auflage nach Frankreich geht. Inzwischen haben auch viele andere Künstlerinnen und Künstler Geschichten aus Québec mit den Mitteln des Comics erzählt. Sie entdecken seit etwa zehn Jahren ihre Wurzeln wieder, nehmen sich Themen aus der Geschichte unseres Landes an und berichten, wo wir heute stehen. So wie Jean-Paul Eid und Claude Paiement mit „La Femme aux Cartes Postales“, das im Québec der 1950er angesiedelt ist.

Wieweit kommen solche Bücher auch bei englischsprachigen Lesern an?

Frédéric: Kaum. Michel Rabagliatis Bücher sind sehr erfolgreich in anderen Märkten wie dem spanischsprachigen. Aber die englischen Ausgaben seiner Bücher verkaufen sich nur sehr schleppend. Das verblüfft mich immer wieder. Vielleicht sind seine fröhlichen Geschichten nicht depressiv genug für den englischsprachigen Markt, wo traurige Geschichten wie die von Seth und anderen sich gut verkaufen.

Gibt es ungeachtet dieser kulturellen Zweiteilung des Landes Comicschaffende, die in Anglo- und Frankokanada gleichermaßen populär sind?

Martin: Isabelle Arsenault mit „Jane, der Fuchs und ich“ ist in beiden Sprachen sehr beliebt. Der Erfolg könnte daran liegen, dass sich das Buch eher an ein jüngeres Publikum richtet.

Wie wählt ihr neue Titel aus?

Frédéric: Lange Zeit haben wir vor allem auf den Zeichenstil geachtet. Inzwischen liegt der Fokus stärker auf der Story, die kraftvoll sein muss, um in unser Programm zu passen. Wir arbeiten inzwischen mit einer ganzen Reihe von Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir gute Erfahrungen gemacht haben – und die wir oft für Projekte zusammenbringen, die wir interessant finden. Oft werden natürlich auch Manuskripte eingereicht, aber wir wollen zunehmend selbst bestimmen, welche Veröffentlichungen wir anschieben.

Das Interview führte Lars von Törne.

Les Éditions de la Pastèque