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Schlag auf Schlag

Die amerikanische Symbolfigur Superman als Kommunist, der Oberpolizist Batman als Bösewicht, der Erzschurke Joker als Verfechter von Recht und Ordnung – die Welt der Comichelden hat schon einige ungewöhnliche Neuausrichtungen ihrer Hauptfiguren erlebt, wenn auch in den meisten Fällen nur für kurze Phasen. Immer wieder haben neue Autorinnen und Autoren so aus altbekannten Akteuren und Handlungsmustern neue Funken geschlagen. Eine besonders ungewöhnliche Charakterveränderung kann man in diesem Jahr Harley Quinn attestieren, der psychisch instabilen und obsessiv veranlagten Comicfigur mit Hang zum Clowns-Look, die mit dem Joker eine durch Gewalt und Missbrauch geprägte Beziehung verband. Wie sie sich daraus befreite und ihren eigenen, von Leichen gepflasterten Weg geht, konnte man zuletzt auch im Kinofilm „Birds of Prey“ verfolgen.

Mit der Miniserie „Harley Quinn – Breaking Glass“ präsentiert nun die kanadische Autorin Mariko Tamaki eine ganz neue Interpretation der Figur. Statt der überdrehten Psychopathin im Erwachsenenalter ist Tamakis Harley ein lebenslustiger Teenager, der alleine in der Kriminalitäts-Hauptstadt Gotham City ankommt und zu seinem Glück in einer freundlichen queeren Gemeinschaft landet.

Tamaki, die zusammen mit ihrer Cousine Jillian Tamaki international gefeierte Comics wie „Ein Sommer am See“ und „Skim“ vorgelegt hat, ist eine Expertin für das Seelenleben junger Menschen. In ihrer Hand, unterstützt durch die hyperrealistischen Zeichnungen des Briten Steve Pugh, wird „Breaking Glass“ zum Comic-Bildungsroman im doppelten Sinne: In lebensnahen Dialogen lässt Tamaki ihr Publikum an der Entwicklung der jungen Hauptfigur teilhaben. Zugleich vermittelt sie ihren größtenteils jüngeren Leserinnen und Lesern – der Comic ist Teil des Labels „Ink“, mit dem der DC-Verlag ein neues Publikum erreichen will – Konfliktthemen, mit denen die Ich-Erzählerin Harley und ihre Schulfreundin Ivy konfrontiert werden: Gentrifizierung, Mobbing, Sexismus, soziale Ungerechtigkeit und vieles mehr.

Referenzen zu den klassischen Handlungsmustern der Comicreihe sind dabei größtenteils nur Beiwerk. Zwar hat auch der legendäre Batman-Gegenspieler Joker, oder zumindest ein Kerl, der sich so nennt, hier ein paar Auftritte. Die haben aber mit dem, was man sonst mit dieser Figur verbindet, nicht viel gemeinsam – bis auf wenige Ausnahmen, in denen Harley und ihr Spielgefährte einem temporären Gewaltrausch verfallen und Zeichner Pugh sein ganzes Können zeigt. In den meisten Szenen jedoch agiert Harley nicht mal ansatzweise so verrückt, wie man es angesichts ihrer Comic-Vorgeschichte erwartet hätte. Das dürfte Traditionalisten missfallen. Wer allerdings findet, dass es höchste Zeit für eine Erneuerung der jahrzehntealten Figuren des DC-Verlages ist, die lange von überkommenen Rollen- und Gesellschaftsbildern geprägt waren, dem dürfte „Breaking Glass“ gefallen.

Von Lars von Törne

Mariko Tamaki / Steve Pugh: Harley Quinn: Breaking Glass, Panini