Sie sind hier

"Keith Haring war mein Held"

© Lars von Törne

Comic-Pionierin Fiona Smyth über kontroverse Reaktionen auf ihre Arbeit, die Entwicklung der kanadischen Szene seit den 80er Jahren, prägende Street-Art und die besondere Bedeutung von Kunsthochschulen

Sie gilt als eine der Wegbereiterinnen des Avantgarde-Comics in Kanada, den sie durch ihre eigenen Arbeiten ab den 1980er Jahren ebenso geprägt hat wie durch ihre langjährige Tätigkeit als Dozentin an der Kunsthochschule OCAD in Toronto. Dort hat sie unter anderem Ness Lee, Patrick Kyle, Ginette Lapalme und Erik Kostiuk Williams unterrichtet, die heute zu wichtigen Vertreterinnen und Vertretern der kanadischen Independent-Szene zählen. Vor zwei Jahren erschien mit „Somnambulance“ eine knapp 400-seitige Werkschau mit Arbeiten von Fiona Smyth aus den vergangenen 30 Jahren. In Deutschland ist von der 56-Jährigen, die sich in Nordamerika auch als Malerin sowie Animations- und Street-Art-Künstlerin einen Namen gemacht hat, bislang ein Werk erschienen, das illustrierte Kinderbuch „Wie entsteht ein Baby“.

Fiona, du bist studierte Malerin. Seit den 1980er Jahren hast du als Künstlerin in vielen verschiedenen Bereichen gearbeitet, von Street-Art in Form von Wandgemälden und Malerei über Animationsfilm und Illustration bis zu Comics. Welche Rolle haben Comics im Verhältnis zu deinem übrigen Werk?

Ich sage immer: Comics und Zines haben Beine, um die Welt zu bereisen. Das können sie einfach besser als bildende Kunst, seien es gemalte Bilder in einer Galerie oder Wandgemälde. Die sind zwar auch schön, aber eben an einen Ort gebunden. Comics waren und sind ein zugänglicher Weg für Menschen, meine Arbeiten zu besitzen und zu verstehen. Vieles davon ist ja eher nicht-narrativ, freaky, träumerisch …

Also Comics als niedrigschwellige Variante der bildenden Kunst?

Ich habe immer schon gezeichnet und auch meine Malerei ist sehr vom Zeichnen geprägt. Comics habe ich eigentlich schon seit meiner Schulzeit gemacht – damals habe ich sie nur nicht Comics genannt. Das waren eher Vorzeichnungen für epische Science-Fiction-Storys, inspiriert von „Star Wars“. Erst in der Kunsthochschule, in den 80ern, habe ich dann ganz offiziell an Comics gearbeitet, die ersten waren für unsere Studentenzeitung „Fish Wrap“. Zu der Zeit hatte ich auch meine ersten Ausstellungen als Malerin, parallel dazu habe ich Mini-Comics gezeichnet und Zines hergestellt, die man für einen oder zwei Dollar kaufen konnte, wenn einem meine 500-Dollar-Gemälde zu teuer waren.

Waren deine Comics damals inhaltlich mit der Malerei verbunden?

Klar. Für eine Ausstellung habe ich die Alice-im-Wunderland-Geschichte neu erzählt und die Handlung in die Großstadt verlegt. Dazu entstand ein Zine mit Comic-Szenen, die die Motive der Gemälde aufnahmen. Eine andere Ausstellung von mir hieß „Whorehouse“ (Bordell) und kontrastierte die Rollenbilder von Huren und Hausfrauen in unserer Gesellschaft, der Minicomic dazu lieferte entsprechende Szenen.

Zu jener Zeit, in den 80er und 90er Jahren, bekam man in Deutschland nicht viel von der kanadischen Comicszene mit – außer vereinzelten Werken von Chester Brown, Julie Doucet oder Seth wurde bei uns wenig veröffentlicht. Anders als heute. Wie sah die kanadische Comicszene damals aus?

Es war eine kleine, aber wachsende Szene, die geführt wurde von den „Toronto Three“ – Seth, Chester Brown und Joe Matt – sowie Julie Doucet und ihren autobiografischen Arbeiten. Aber es gab auch viele andere Künstlerinnen und Künstler wie mich, die von Magazinen wie „Raw“ und „Weirdo“ beeinflusst waren. In Toronto brachte der Künstler Peter Dako ein Zine namens „Casual Casual“, heraus, das Arbeiten aus ganz Nordamerika, unter anderem aus Montréal, und internationaler Künstlerinnen und Künstler vereinte. Damals entstand auch eine erste Ausstellung mit Comics aus dem Umfeld von „Casual Casual“.

Es scheint, dass die kanadische Comicszene damals – ähnlich wie in vielen anderen Ländern – sehr von Männern dominiert war, die ein bestimmtes Frauenbild prägten. Wenn man sich im Gegensatz zu deren Werken deine frühen Arbeiten anschaut, spielten hier starke, selbstbewusste Frauen eine große Rolle, es geht um sexuelle Selbstbestimmung, die Frauenfiguren wirken kraftvoller als die männlichen Gegenstücke. Das muss für viele Männer in der kanadischen Comicszene damals ein ziemlicher Schock gewesen sein, oder?

Nein, die Reaktionen waren eher positiv. Aber ich machte im Gegensatz zu vielen anderen keine autobiografischen Arbeiten, bewegte mich vielmehr ein wenig am Rande. Ich empfand mich als anti-autobiografisch, zumal ich es sehr finde, lineare Geschichten zu erzählen. Aber die Comicszene hat mich mit offenen Armen aufgenommen – anders als die Kunstszene.

Wieso das?

Meine Arbeiten wurden gelegentlich als anti-feministisch abgestempelt.

Weil du so explizit mit dem Thema Sexualität umgegangen bist?

Ja, genau. Ich erinnere mich an eine Ausstellung zum Thema Zensur, bei der die Auswahlkommission meine Arbeiten ablehnte, weil sie als potenziell anstößig für andere Frauen empfunden wurden. Unter anderem aufgrund eines Bildes mit einer Frau im Vordergrund, neben der ein großer erigierter Penis zu sehen war. Das war den Machern zu viel.

Wie empfandst du das damals?

Ich war verärgert. Aber die Dinge haben sich seitdem verbessert, das Verständnis, was Feminismus bedeutet, hat sich gewandelt. Das waren anfängliche Wachstumsschmerzen, die häufig einen Neubeginn begleiten. Für mich als Punkrockerin war es aber auch eine Ehrenbezeichnung - ich dachte mir: Fuck them! Ich mache trotzdem weiter das, was ich machen will.

Man sieht vor allem deinen frühen Arbeiten diese Punk-Energie an, diesen Ärger, diese Haltung.

Bestimmt. Mein Partner ist Musiker, er war ebenfalls Teil der Szene.

Du sagtest vorhin, deine Comics seien nicht autobiografisch. Allerdings hat man bei vielen deiner Geschichten schon den Eindruck, dass sie stark von deinem Alltag geprägt waren oder sind, und in manchen taucht auch ein gezeichnetes Alter Ego von dir als Figur auf.

Natürlich habe ich sehr viel aus meinem Leben verarbeitet. Das ist die Freiheit der Kunst, speziell die der Comics: Man kann von sich erzählen, ohne erkennbar Persönliches zu offenbaren. Je älter ich wurde, desto mehr habe auch ich autobiografische Bezüge in meine Comics aufgenommen.

Diesen Eindruck vermitteln auch die religiösen Motive und ikonographischen Bilder in deinen früheren Arbeiten, die offenbar deine Jugend in einer katholischen Schule in Montréal reflektieren …

Ja, ich habe bis ich 14 war mit meiner Familie in Montréal gelebt und ging dort auf eine katholische Mädchenschule. Dann zogen wir nach Toronto und ich fand mich auf einer nichtkirchlichen Schule wieder, die von Jungs und Mädchen besucht wurde und ein großes Kunstprogramm hatte. Das hat mein Leben verändert – all die neuen Freiheiten und jeden Tag viel Zeit für Kunst. Als ich später als Künstlerin meine ersten Schritte ging, habe ich eine Art Exorzismus betrieben und diesen Katholizismus der ersten Jahre verarbeitet. Ich habe zunehmend auch andere religiöse Symbole und Bilder genutzt, Bezüge zum Hinduismus und Buddhismus, Teufelsbilder und vieles andere einfließen lassen – das lässt sich alles auf die katholischen Erfahrungen der frühen Jahre zurückführen. Viele meiner Arbeiten beschäftigen sich mit Traumata und wie der Körper mit ihnen umgeht, Themen, die sich auch in christlichen Motiven wie dem Leiden Christi, Stigmata und Märtyrergeschichten finden lassen. Und wenn man betrachtet, wie in der katholischen Kirche bestimmte biblische Ereignisse in sequenziellen Bildern erzählt werden, hat das auch etwas von einem Comic.

Seth hat mal in einem Text über dich geschrieben, dass man im Toronto der 80er und 90er Jahre überall deine Wandgemälde entdecken konnte. Ihr Stil war unverkennbar: Breite Striche, eine cartoonhaft reduzierte Ästhetik, die an Keith Haring erinnerte, aber etwas rauer. In Toronto gibt es bis heute die legendäre Kneipe „Sneaky Dee's“, deren Totenkopf-Logo Anfang der 90er von dir gemalt wurde. Wie wichtig war diese Street-Art-Szene für deine künstlerische Entwicklung?

Sehr wichtig, und Keith Haring war mein Held. Nicht nur in stilistischer Hinsicht, auch aufgrund dessen, wofür er stand, persönlich und politisch, dazu kam der performative Aspekt seiner Arbeit. Auch wenn ich heute an der Kunsthochschule unterrichte und mich als Künstlerin sehe, bin ich doch ziemlich schüchtern. Aber vor Leuten zu malen, fiel mir immer leicht. Leichter, also vor Leuten zu sprechen. Und wenn du an öffentlichen Orten Wandgemälde schaffst, hast du einen direkten Austausch mit dem Publikum, das war ein toller Weg, mein Werk mit vielen Menschen zu teilen.

Wenn du die Szene damals mit der heutigen kanadischen Comic-Szene vergleichst, was sind die stärksten Unterschiede?

Es hat in den vergangenen Jahren eine aufregende Entwicklung stattgefunden. Eine beeindruckende Explosion von großartigen Talenten und unterschiedlichen Stimmen. Ich fühle mich vielen dieser jüngeren Künstlerinnen und Künstler verbunden, gerade was ihre Experimentierfreude im Bereich Comics angeht. Ich identifiziere mich wahrscheinlich sogar stärker mit ihnen als mit meinen Zeitgenossen von früher – auch wenn ich nach wie vor ein großer Fan vieler dieser Künstlerinnen und Künstler bin.

Wie wichtig sind und waren Kunsthochschulen für die kanadische Comicszene?

In meinem Fall war der formale Rahmen der Kunsthochschule gut, um dagegen zu rebellieren. Ich habe hier in Toronto Drucktechnik und experimentelle Malerei studiert - und war nicht gerade die beste Studentin. Aber es war hilfreich, sich in verschiedenen Ausdrucksformen ausprobieren zu können. Das Wichtigste aber waren die anderen Studierenden, ich war zusammen in einer Klasse mit Maurice Vellekoop. Er hat mich sehr beeinflusst und durch ihn habe ich auch das „Raw Magazine“ kennengelernt. Und der vielfach ausgezeichnete Maler John Scott, der für seine postapokalyptischen, von Käthe Kollwitz beeinflussten Bilder bekannt ist, war ein wichtiger Lehrer und Vorbild. Er war es, der mir sagte: Du machst feministische Kunst. Und ich dachte anfangs nur: Wovon redet der? Ich war damals nicht mal 20 und konnte mit dem Begriff nichts anfangen. Erst in den folgenden Jahren habe ich ihn mir zu eigen gemacht.

Wieso hattest du solche Schwierigkeiten mit diesem Begriff?

Weil er Konflikt bedeutete, weil ich dadurch sichtbar wurde. Dazu kommt, dass ich als Künstlerin weder damals noch heute in eine bestimmte Schublade eingeordnet werden möchte. Ich bin Künstlerin, Punkt. Aber je älter ich werde, desto mehr erkenne ich an, dass ich definitiv eine feministische Künstlerin bin.

Und heute bist du ja selbst Dozentin am Ontario College of Arts and Design, das seit ein paar Jahren den Status als Universität hat. Was unterrichtest du?

Illustration für Studierende des dritten und vierten Studienjahres, und dazu einenK urs mit dem Titel „Graphic Novel Illustration“. Ein schrecklicher Titel, weil es ja keine Illustration ist, sondern Comiczeichnen, aber so lässt es sich von Bilderbuch-Illustration unterscheiden.

Sieht so aus, als ob Comics, die ihr als Studierende damals eher nebenbei für euch entdeckt habt, unter dem Begriff „Graphic Novel“ offiziell den Lehrplan der kanadischen Kunsthochschulen erreicht haben.

Ja – und es gibt auch in den Geisteswissenschaften zunehmend Seminare mit Graphic Novel-Bezug.

Welche Bedeutung haben Kunsthochschulen für die Entwicklung der gegenwärtigen kanadischen Comicszene?

Da gibt es immer mehr Verbindungen und Entwicklungen in die richtige Richtung, auch wenn ich mir wünschen würde, dass es eine eigene Fakultät für diesen Bereich gäbe.

Welche Rolle spielen Comics in den Illustrationsklassen, die du unterrichtest?

Wir schlagen den Studierenden beispielsweise sequenzielle narrative Projekte vor, die von ihnen als Comics umgesetzt werden können. In der Graphic Novel- Klasse liegt der Fokus noch mehr auf dem Erzählen in Bildern und Comiczeichnen. Die Klassen bestehen aus etwa 25 Studierenden, die am Schluss ein selbstverlegtes Zine veröffentlichen. Wir arbeiten seit Jahren eng zusammen mit einem Künstlerkollektiv namens Wowee Zonk, das aus Chris Kuzma, Patrick Kyle und Ginette Lapalme besteht. Sie sind sehr engagiert in der Zine- und Selbstverleger-Szene und haben beim Toronto Comic Arts Festival immer einen Bereich mit Zines, wo unsere Studierenden ihre Werke präsentieren können.

Und viele Studierende bleiben dann später dem Comic treu?

Ja, zumindest als ein Teil ihrer Arbeit, so wie auch ich ja nur teilweise meinen Lebensunterhalt mit Comics verdiene und ebenfalls als Dozentin arbeite.

Du bist ja auch als Zeichnerin für Animationsfilme aktiv, im Internet kann man unter anderem den brillanten, verstörenden Kurzfilm „Albatros Soup“ sehen, den du zusammenmit der Regisseurin Winnie Cheung und dem Animator Masa Nakamura geschaffen hast.

Ich habe mich über die Jahre immer wieder um Fördergelder beworben, um solche Kunstprojekte zu realisieren. Gerade konnte ich einen animierten Kurzfilm fertigstellen, der durch das Canada Council gefördert wurde. Als kanadische Kulturschaffende haben wir großes Glück, dass es diese Art von Unterstützung gibt.

Wieweit trägt dieses Fördersystem auch dazu bei, dass Künstlerinnen und Künstler bestimmte förderbare Projekte eher verfolgen als andere?

Ich habe ja Malerei studiert, aber schon gegen Ende meiner Kunsthochschulzeit gesehen, dass es im Verhältnis zu den Antragstellern mehr Fördermöglichkeiten für Zeichen-, und Animationsprojekte oder Comics gibt, als für Malerei. Sicher ein Grund dafür, dass ich viele solcher Projekte realisiert habe. Vielleicht male ich wieder mehr, wenn ich in meinen 80ern bin. Wobei ich gerade in meinen neueren Comics und Animationsfilmen auch viel mit Elementen der Malerei arbeite.

Eine deiner wenigen Arbeiten, die bislang auch in Deutschland veröffentlicht wurde, ist ein illustriertes Aufklärungsbuch für Kinder im Vorschulalter namens „Wie entsteht ein Baby?“, das du zusammen mit Cory Silverberg erarbeitet hast. Es wurde unter anderem für seine Pop-Art-Ästhetik, sein modernes Familienbild und seinen sensiblen, klischeefreien Zugang zum Thema gelobt. Wie kam es zu dem Projekt?

Cory war einer der Gründer des sex-positiven Sexshops „Come as You Are“ in Toronto. Ich habe für den Laden ein paar Illustrationen gemacht und hin und wieder auch mal Arbeiten dort ausgestellt. Wir sind seit langem befreundet, und eines Tages fragte er mich, ob ich das Kinderbuch über die Entstehung von Babys, das er plante, illustrieren würde. Es gab eine Kickstarter-Kampagne, die enorm erfolgreich war. Wir wollten eine Fördersumme von 9500 Dollar erreichen – und bekamen 65000 Dollar. Nachdem wir es anfangs selbst verlegt hatten, nahm der Verlag Seven Stories Press den Titel auf – und vereinbarte mit uns gleich zwei weitere Bücher zu verwandten Themen. „Sex is a Funny Word“, das zweite Buch, richtet sich an Schulkinder und wir haben es von Anfang an zusammen entwickelt.

„Sex is a Funny Word“ wurde ja nicht nur viel gelobt und mit Preisen ausgezeichnet, es hat in den USA auch einige Kontroversen ausgelöst, in den USA wurden Forderungen laut, es aus Schulen oder Bibliotheken zu entfernen …

Manche Leute stören sich daran, dass wir sehr offen über Sex sprechen, Körperteile zeigen, LGBTI-positiv sind und außerhalb der binären Gender-Welt denken. Wir erzählen von allen möglichen Menschen und Familienkonstellationen. Für manche Leute ist das ein Problem.

Das Interview führte Lars von Törne.