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Jirō Taniguchi – Der träumende Mann

© Jirō Taniguchi – Carlsen Verlag, Hamburg 2007

Jirō Taniguchi – Der träumende Mann

26. bis 29. MaiKongresszentrum Heinrich-Lades-Halle, Großer Saal

Öffnungszeiten: 

Do 12–19, Fr/Sa 10–19, So 10–18 Uhr

Eine Ausstellung von 9e ART+.

Im dürren Schilfrohr
Entzünden ihre Lichter
Die kleinen Boote


Das Haiku ist eine beliebte japanische Gedichtform. Drei Zeilen, eine bestimmte Anzahl von Silben, die Wiedergabe der Welt, komprimiert und fast ohne Interpretation. Die Poesie entsteht im Leser. So ähnlich funktioniert die Manga-Kunst von Jirō Taniguchi. Genaue Abbildung der Wirklichkeit. Der fotografische Blick. Die Engführung der Linien zu verriegelten Horizonten, noch wo sie ganz weit weg scheinen hinter dem hohen Berg der Götter oder den Wolkenkratzern Tokios. Männer (seltener Frauen) spazieren, agieren und träumen dabei. Vielleicht träumen sie auch, dass sie spazieren und agieren. Sie beobachten und werden vom Zeichner beobachtet. Die Flaneure (das können auch Detektive oder Samurai auf einer Verfolgungsjagd sein) sind beinahe immer im Bild. Es gibt kaum Schuss-Gegenschuss-Montagen. Das heißt, was die Handlungsträger sehen, wird nicht mit dem Gestus des Zeigens betont. Der Zeichner sieht und zeigt sie vielmehr in ihrer Umgebung. Taniguchi geht es um das Individuum im Raum. Seltsam für einen modernen Japaner, der sich sonst eher als Welle auf einem Wellenkamm versteht. Wegen ihres Ambientes wirken Taniguchis Figuren meistens einsam. Noch in Gruppen und Gesprächen ist jeder allein. Und jeder ist nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. Wenn Beschleunigung bis zur Atemlosigkeit das Prinzip der Massen-Mangas ist (und vom frühen Taniguchi mit vielen „Großaufnahmen“ durchaus bedient wurde), ist beim späten Zeichner trotz der hohen Anzahl von Panels auf den Buchseiten der Takt der Zeit immer präsent. Jirō Taniguchi zeichnet die Momente, in denen der Sekundenzeiger auf der Uhr gerade still steht. Das digitale Vergleiten der Zeit scheint es bei ihm nicht zu geben.

Durch das Werk Taniguchis spazieren – die Ausstellung auf dem Comic-Salon lädt dazu ein. Sie legt sich wie eine Schneise durch die Labyrinthe der vielen Bilder vieler Künstler aus vielen Nationen. Man sagt ja, im Gegensatz zu den meisten anderen Mangaka hätte Taniguchi den Blick vor den Comics der Welt nicht verschlossen. Besonders Europa hätte ihn fasziniert, und hier wieder besonders die Stadtfantasien von François Schuiten und Moebius. Mit Moebius hat er sogar ein Projekt begonnen: „Ikarus“, soeben auf Deutsch erschienen. Seit er 1992 mit dem Buch „Der spazierende Mann“ weitgehend von abenteuerlichen Stoffen Abschied genommen hat, ist der urbane Raum mit seinen Ballungszentren, mehr noch mit seinen verschwiegenen Winkeln, Jirō Taniguchis Beobachtungsfeld. Er erzählt, welche Bedeutung diese Winkel in der Vergangenheit hatten, wie sie Erinnerungen prägten und wie stark sie nunmehr vom Verschwinden bedroht sind. Erinnerungen: „Die Sicht der Dinge“, „Vertraute Fremde“, „Der Kartograph“. Wenn die Räume bedroht sind, die sie prägten, sind die Erinnerungen selbst bedroht. Taniguchi versucht sie immer wieder zu überprüfen, sei es am Altern von Haustieren („Träume vom Glück“), sei es an der Entfaltung des Geschmacks („Der Gourmet“). Korrespondiert die aktuelle Beobachtung des Lebens mit dem vergangenen Leben, von dem uns das Gehirn Geschichten erzählt?
Jirō Taniguchi ist selbst ein Kartograph. Er vermisst den Mensch im Einst und Jetzt, vermisst die Echos des Gesehenen, Geschmeckten, Gelesenen, Gefühlten. Das macht ihn so einzigartig. Er ist ein Psychologe der Banalität und zugleich ein Künstler, der darauf aufmerksam macht, wie großartig die Banalität für jeden ist, der sie durchlebt. Vielleicht vergleicht man ihn deswegen mit dem Filmemacher Yasujiro Ozu (1903–1963). Der hat seine Kamera an die Tische der Familien gestellt und gefilmt, wie die Menschen in diesen Konstellationen glücklich oder unglücklich wurden und wie die Institutionen und Traditionen zerfielen. Wie Ozu sieht Taniguchi wie in Zeitlupe zu, wie sich die Welt verändert, wie das Leben die Menschen verändert und wie unaufhaltsam der Weg zum Tod ist. Selbst seinen frühen, durchaus heroischen Rittern und Detektiven war dieser Tod schon eingeschrieben. Das ist vielleicht der japanischen Kultur geschuldet, die das Ende weniger verdrängt als die europäische. Trotzdem ist das Resultat bei der Lektüre von Taniguchis Geschichten Melancholie. Selbst die glücklichsten Augenblicke verwehen. Taniguchis Figuren suchen stets nach Belegen für das gewesene Glück. Sie suchen in Restaurants und Antiquariaten, in Kinos und Gärten, in Abenteuern und Alltäglichkeiten. Und der Autor und Zeichner betrachtet sie dabei mit unendlicher Geduld und zeigt sie seinen Lesern, die den (fast ein zu großes Wort) Schicksalen mit ebenso großer Geduld folgen sollen und wollen. Denn einen Manga von Jirō Taniguchi zu schließen, heißt Abschied zu nehmen von einem Freund.

Herbert Heinzelmann