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„Jedes Bild muss eine gewisse Magie haben“

© Justin Aranha

Jillian Tamaki über die Arbeit als Zeichnerin, ihr Leben im Netz und ihre Leidenschaft für traditionelle Flickendecken

Die beiden Cousinen Jillian Tamaki und Mariko Tamaki haben mit „Ein Sommer am See“ einen der erfolgreichsten kanadischen Comics der vergangenen Jahre veröffentlicht, 2018 wurde ihr Buch beim Internationalen Comic-Salon Erlangen als bester internationaler Comic ausgezeichnet. Neben ihrer Arbeit an weiteren preisgekrönten Comics wie „Skim“, bei dem Mariko ebenfalls Autorin war, und „Super Mutant Magic Academy“ hat sich Jillian Tamaki auch als Illustratorin für namhafte Publikationen wie „The New York Times“ und „The New Yorker“ sowie als Kinderbuchautorin profiliert. Lars von Törne hat sie in ihrer Wohnung in West-Toronto zum Interview getroffen.

Jillian, wer dir auf Instagram folgt, kann neben deinen Comics und Illustrationen immer wieder auch Bilder von Quilts sehen, handgemachten Flickendecken, die du gestaltest. So wie die Zierdecke, die hier in deiner Wohnung in Toronto den Sessel schmückt, auf dem du gerade sitzt. Was reizt dich an Quilts?

Ich habe immer schon mit vielen unterschiedlichen Medien und in unterschiedlichen Formen gearbeitet. Vieles ergab sich einfach aus der Notwendigkeit. Als ich anfing, konnte ich mir nicht vorstellen, dass man mit Comics seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Oder auch nur einen nennenswerten Teil davon. Daher habe ich zusätzlich immer auch kommerzielle Illustrationsarbeiten gemacht. Und Quilts mache ich schon seit Teenagerzeiten. Ich habe das aber immer getrennt von meinen anderen Ausdrucksformen gesehen. Das eine mache ich für Geld, das andere mache ich nur zum Spaß, als Luxus, den ich mir erlaube.

Die Quilts sind nur ein Hobby? Immerhin hast du ja kürzlich sogar eine Ausstellung damit in einer Galerie gehabt.

Ja, aber ich habe keine größeren Pläne in der Hinsicht. Ich habe nicht vor, damit viel Geld zu verdienen. Es war eigentlich auch nicht geplant, so vieles gleichzeitig laufen zu haben. Es macht mich glücklich, mich auch mit Dingen zu beschäftigen, die mit weniger Druck verbunden sind. Aber oft passiert es mir, dass Aktivitäten, mit denen ich keine großen Pläne verbunden hatte, in den Vordergrund treten. Wie die Comics.

Das war anfangs auch eher ein Hobby als ein Job?

Ja, das war lange etwas, das ich für mich selbst gemacht habe. Etwas, das ich mir leiste, während ich mitmeinen Illustrationen Geld verdiene. Als dann Bücher und Comics mehr und mehr von meiner Zeit beanspruchten, war das ziemlich unerwartet. Oder auch eine andere Sache, die ich in meiner freien Zeit gerne mache: Stickarbeiten. Da habe ich eigentlich auch nur aus Spaß mal ein paar Werke online gestellt – und kurz darauf wurde ich vom Penguin-Verlag gefragt, ob ich nicht ein paar Buchtitel in dem Stil gestalten möchte. So ist das eben mit Sachen, die man online zeigt – da sind auch die Artdirektoren unterwegs, die sowas dann entdecken.

Wieweit gibt es bei dir einen Austausch zwischen deiner Arbeit als Illustratorin und der als Comiczeichnerin?

Als ich anfing, war das klar getrennt – ich arbeitete entweder an einem Comic oder einer kommerziellen Illustration. Aber inzwischen mache ich ja auch illustrierte Kinder- und Jugendbücher, die vom Arbeitsprozess eher der kommerziellen Illustration näher sind, inhaltlich aber meinen Comics näherkommen, weil ich da viel von mir persönlich reinstecke. Alleine in diesem Jahr kommen zwei neue Bücher dieser Art heraus.

Inspiriert dich die Arbeit an einem Projekt manchmal zu anderen Projekten?

Ja, ein Projekt ist manchmal eine direkte Folge eines anderen. Als ich zum Beispiel an längeren Werken wie der Graphic Novel „Ein Sommer am See“ und zuvor „Skim“ gesessen und eineinhalb Jahre ziemlich zurückgezogen gearbeitet habe, ohne dass ich meine Arbeit irgendwem zeigen konnte, da wusste ich nicht, ob es wirklich gut ist, was ich mache… Diese Erfahrungen haben dann „SuperMutant Magic Academy“ inspiriert, was als wöchentlicher Web-Comic anfing und erst später als Buch veröffentlicht wurde. Ich wollte etwas erschaffen, das mir erlaubt, Dinge in kürzeren Abständen herauszugeben. Für mich ist es sehr wichtig, Reaktionen auf meine Arbeit zu bekommen. Und ich wollte nach den langen Büchern eine schnellere Rückmeldung haben. Solche Arbeiten erlauben mir, eine enge Beziehung zu meinen Lesern herzustellen, anstatt ihnen nur alle paar Jahre ein Buch hinzuwerfen. Eine wöchentliche Serie zu schreiben, hat mir zudem geholfen, mich als Autorin weiterzuentwickeln.

Du hast nach zwei gemeinsam mit deiner Cousine Mariko geschaffenen Graphic Novels und mehreren eigenen Comics, bei denen du Autorin und Zeichnerin zugleich warst, 2018 ein erstes Kinderbuch veröffentlicht, „They Say Blue“. Zusammen mit der Autorin Julie Fogliani entstand zudem ein weiteres Kinderbuch namens „My Best Friend“. Im Herbst 2020 erscheint in Nordamerika ein weiteres Kinderbuch, das du wiederum sowohl geschrieben als auch gezeichnet hast. In stilistischer Hinsicht scheint jedes Buch einen ganz eigenen Strich zu haben, als ob du bei jedem neuen Projekt auch einen neuen Stil ausprobierst, der zum Thema passt.

Ja, ich denke, da kommt meine Ausbildung als Illustratorin zum Tragen, als Designerin, die bei jedem neuen Projekt schaut, welcher Stil am besten zum Thema passt. Was sollen die Bilder beim Publikum erreichen? Wie viel Zeit habe ich? Wieweit kann ich mit dem gewählten Stil eine ganze Welt erschaffen, die zum Inhalt passt? Und dann ist es manchmal auch ein ganz bewusster Wechsel, wenn ich gerade ein ganzes Buch in einem Stil gemacht und genug davon habe – dann versuche ich eben, das nächste Projekt in einem ganz anderen Stil anzugehen. So waren die Zeichnungen zu „Ein Sommer am See“ sehr üppig und detailliert, es ging um einen ganz konkreten Ort, die Zeichnungen waren bis ins letzte Detail inspiriert von echten Orten und Dingen, sodass jeder Briefkasten und jeder Baum sehr realistisch aussah. Und beim nächsten Projekt, der „SuperMutant Magic Academy“ habe ich dann genau den umgekehrten Ansatz gewählt und es genossen, dass die Zeichnungen nicht sehr realistisch oder hübsch sein müssen. Es macht mir Spaß, mich zeichnerisch für jedes Projekt neu auszurichten – so bleibt das Leben interessant. Obwohl ich mich manchmal auch dafür hasse und mich frage: Wieso musst du für jedes verdammte Buch das Rad neu erfinden?

Du scheinst dich derzeit ja sehr auf Werke für jüngere Leser zu konzentrieren, was gerade in Nordamerika offenbar ein sehr lukrativer Markt ist. Hat das auch ganz praktische wirtschaftliche Gründe, oder interessieren dich momentan Geschichten für Kinder und Jugendliche einfach mehr?

Ja, die sind schon besonders lukrativ. Aber es ist trotzdem eine Menge Arbeit damit verbunden, auch wenn sie oft viel kürzer sind als eine Graphic Novel. Die Bilder haben eine größere Bedeutung. Auch wenn es nur 40 Seiten sind, muss doch jedes Bild irgendwie auch eine gewisse Magie haben. Bei Comics hingegen ist es oft das Wichtigste, dass die Bilder lesbar und verständlich sind. Aber ich mag eben die Herausforderung. Es macht mir zudem großen Spaß, in Schulen mit Kindern über meine Bücher zu sprechen. Sie reagieren ganz natürlich auf mich, weil ihnen egal ist, wer ich bin. Wenn es sie langweilt, stehen sie auf und laufen herum. Wenn sie etwas spannend finden, kommen sie zu mir und fassen die Seite an. Das bringt mich zum Nachdenken darüber, was genau ich sage und wie ich es vermittle. Was funktioniert, was hat Kraft, was ist witzig? Bilderbücher sind eine sehr fokussierte, auf das Wesentliche reduzierte Form, das ist eine sehr gute Übung für mich.

Manche deiner Geschichten leben vor allem von den Bildern, andere mehr von Dialogen oder Wortwitz. Stimmt die Annahme, dass du manchmal eine Geschichte aus den Bildern heraus entwickelst, und manchmal die Handlung und ein Text am Anfang stehen?

Ja, jede Geschichte hat eine etwas andere Entstehung. Manchmal startet es mit einer Art Drehbuch. Und dann kommen die Bilder dazu. In anderen Fällen sind die Bilder zuerst da und ich frage mich, wie ich die Bilder mit Worten zusammenführe. Das Kinderbuch „They Say Blue“ zum Beispiel wurde durch den Besuch eines Tanztheaterstücks inspiriert, bei dem ein kleines Kind mittanzte, das ständig in Bewegung war. Das hat mich sehr beeindruckt, sodass ich hinterher zu Hause dieses Kind in Bewegungsstudien gezeichnet habe. Diese bewegten Tanzbilder führten dann dazu, ein Buch zu zeichnen, in dem Bewegung und Veränderungen eine große Rolle spielen. Viele meiner Arbeiten beginnen mit solchen formalen Ideen. Das liegt auch daran, dass ich mich nach wie vor vor allem als Kunsthandwerkerin sehe, weniger als Autorin. Ich wünschte, ich wäre eine Geschichtenerzählerin, die so viel mitzuteilen hätte und ihre Gedanken unbedingt mit der Welt teilen muss. Bin ich aber nicht. Ich bin ein Mensch, der Dinge machen muss.

Dabei zeigst du doch in deinen Comic-Kurzgeschichten, die du unter anderem auf Instagram regelmäßig veröffentlichst und von denen einige im Sammelband „Grenzenlos“ auch als Buch erschienen sind, dass du eine gute Autorin bist, die sehr wohl viele interessante Geschichten zu erzählen hat. Immer wieder im Zentrum steht dabei einerseits das Thema Identität, speziell weibliche Identität. Und andererseits das Verhältnis von realer Alltagswelt zu virtuellen Welten, sei es im Internet und auf Sozialen Medien, sei es in der Pop- und Konsumkultur.

Für mich gibt es da eigentlich keinen Unterschied. Nehmen wir das Thema Identität, sei es als Mensch oder als Frau einerseits und als Internet-Nutzerin andererseits – da gibt es für mich keine Trennung. Ich bin online, seitdem ich 14 bin, also gut 25 Jahre. Von dem Moment an, in dem wir zu Hause Internet bekamen, habe ich mich auf schrägen Websites rumgetrieben, online gechattet, Programmieren gelernt, Bilder und Schrifttypen heruntergeladen, Bilder ausgedruckt – ich bin seit Mitte der 90er Jahre besessen vom Internet. Und speziell die Welt der Comics fand schon sehr früh im Netz statt. Das ist unsere Gemeinschaft. Ja, man trifft sich auch auf Festivals und ähnlichen Veranstaltungen. Aber online ist man jeden Tag zusammen. Viele meiner besten Freunde habe ich online kennengelernt. Ich fand es auch nie komisch, mich mit Leuten anzufreunden, die ich online kennengelernt habe, ihnen Briefe zu schreiben oder Geschenke zu schicken. Auch wenn nicht immer alles nur gut ist, die perfekte Gesellschaft ist das ja auch nicht.

Wie du es ja auch in einigen Kurzgeschichten thematisierst…

Ja, ich werde zum Beispiel oft auf die Geschichte „1Jenny“ angesprochen, die sich in „Grenzenlos“ findet. Sie handelt von einem Parallel-Facebook, in dem man andere Identitäten annimmt. Das ist eine Geschichte, die habe ich gezeichnet, nachdem ich nach ein paar Jahren in New York wieder nach Kanada zurückgekehrt und nach Toronto gezogen bin. Ich ließ viele Freunde in New York zurück. Und mir wurde bewusst, dass ich auf Instagram und Twitter ein bestimmtes Bild von mir vermittelte, während meine alten Freunde genau schauten, wie mein neues Leben verlaufen würde. Man kann sich seine eigene Identität schaffen. Das ist sehr mächtig, im Guten wie im Schlechten.

Vor kurzem hattest du eine Kurzgeschichte auf Instagram, die davon erzählte, wie eine junge Frau nach einer Nacht auf Twitter fast erstaunt die reale Welt betrachtet, die von den Sozialen Medien unbeeinflusst zu sein scheint. Hier und auch in anderen Geschichten wird das Thema Internetsucht angedeutet. Ist das etwas, mit dem du selbst zu kämpfen hast?

Ja, ich denke, wir sind dauernd damit beschäftigt, die Trennlinie auszuhandeln. Auch weil die Technik sich ständig wandelt ebenso wie unsere Leben. Ich gehe online, um einen bestimmten Freiraum zu betreten, der auch manchmal einfach entspannend sein kann. Wie etwas Körperloses, Schwebendes, Neutrales – auch wenn es natürlich nicht wirklich neutral ist. Aber es kann einem das Gefühl vermitteln, ich melde mich mal vorübergehend von der Realität ab. Und wenn da Dinge passieren, die einen ärgern, kann man diese Welt einfach wieder verlassen. Wenn zum Beispiel auf Twitter irgendein Thema behandelt wird, das da riesengroß wirkt, das die ganze Welt beschäftigt… und dann tritt man aus seiner Wohnung auf die Straße und merkt, dass dieses Thema gar nicht so wichtig ist.

Was sind die Vorteile der Zusammenarbeit mit anderen Autorinnen und was spricht eher dafür, alles alleine zu machen?

Ich liebe es, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Ich würde nicht alles alleine machen wollen. Ich bin einfach nicht so interessant. Und ich will nicht alleine dafür verantwortlich sein, die ganze Zeit profunde Gedanken produzieren zu müssen. Die habe ich auch gar nicht. Wenn ich mit anderen Menschen zusammenarbeite, bringen die so viel von sich ein, das ich nie und nimmer selbst leisten könnte. Die Bücher, die ich mit Mariko gemacht habe, hätte ich niemals alleine machen können. Ebenso wie das Buch mit Julie. Deswegen wähle ich Geschichten aus, die mich ansprechen. Wenn ich meine Arbeit mit der eines anderen Menschen zusammenbringe, muss das zusammenpassen und etwas starkes Drittes schaffen, das mehr ist als nur meine Arbeit und die der anderen Person zusammengenommen. So war das bei den Büchern, die zusammen mit Mariko entstanden sind. Danach wollte ich dann erstmal eine Auszeit nehmen und meine eigene Stimme als Autorin finden.

Wie lief der Arbeitsprozess mit Mariko?

Sie hat in beiden Fällen die Geschichte entwickelt. Und da habe ich immer großen Respekt vor und lasse sie ihr Ding machen. Und dann schaue ich, wie wir das zeichnerisch umsetzen. Sie hat eine fertige Geschichte in Form eines Drehbuchs vorgelegt. Sie kommt ja eigentlich vom Theater. Also schreibt sie vor allem Dialoge, dazu ein paar Informationen zur Handlung. Sie hat ein sehr gutes Ohr dafür, wie junge Leute sprechen. Wenn sie mir das Drehbuch gibt, lässt sie mir viele Freiheiten, das in meine Richtung zu drehen. Ich muss ja mein eigenes Verständnis für die Geschichte entwickeln. Also zum Beispiel überlegen, was neben den Dialogen alles nicht gesagt wird – und muss dann Bilder dafür finden. Ich verdichte die Geschichte an manchen Stellen und erweitere sie an anderen. Sie ist eine sehr gute Teamarbeiterin und immer ganz begeistert, was ich aus ihrer Vorlagemache. Ich frage sie öfter, ob sie vorher keine feste Vorstellung davon hatte, wie diese und jene Person aussieht oder wie bestimmte Szenen ablaufen. Ihre Antwort: „Ich bin kein besonders visueller Mensch. Ich höre Dinge, ich visualisiere sie nicht. Vielleicht sind wir deswegen ein gutes Team.“

Du bist ja mit einem anderen kanadischen Comiczeichner sehr gut befreundet, mit Michael DeForge. Könntest du dir vorstellen, auch mal einen Comic mit ihm zusammen zu machen?

Ich glaube, das wäre nichts für ihn. Für mich ist die Zusammenarbeit mit anderen wichtiger als für ihn. Er ist dafür zu sehr ein Individualist. Und ich bin zu sehr ein Kontrollfreak, um die visuellen Aspekte meiner Arbeit mit jemand anderem zu teilen.

Das Interview führte Lars von Törne.