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„Ich liebe meine Figuren, und ein bisschen hasse ich sie auch“

© Lars von Toerne

Michael DeForge über persönliche und politische Themen in seinem Werk, den Einfluss klassischer Zeitungsstrips, digitale Verbreitungswege und die Besonderheiten der kanadischen Comicszene

Sein Zeichenstil ist unverwechselbar, seine Erzählungen verbinden ernste Themen mit einem gelegentlich ins Absurde gehenden Witz. Seit gut zehn Jahren begeistert Michael DeForge (32) Fans anspruchsvoller Avantgarde-Comics unter anderem mit zahlreichen Kurzgeschichten, die er in Sammlungen wie seiner Heftreihe „Lose“ veröffentlicht und in jüngster Zeit zunehmend auch auf Twitter, Instagram und Patreon. Zeichnerisch verknüpft er Elemente des Surrealismus und der Pop-Art mit Einflüssen aus klassischen Zeitungscomics und Zeichentrickfilmen, dazu bedient er sich bei Genre-Stoffen wie Superhelden-Comics, Science- Fiction und vielen anderen Quellen. Und er beeindruckt immer wieder mit längeren Erzählungen, in denen er persönliche Themen und Sozialkritik verbindet, darunter die auch in Buchform veröffentlichten Werke „Ant Colony“, „Leaving Richard's Valley“, „Stunt“ und zuletzt „Familiar Face“. Lars von Törne hat ihn in einem Café in der Nähe seiner Wohnung in West-Toronto zum Interview getroffen.

Michael, du bist weit über Kanada hinaus vor allem für deine Comics bekannt. Aber Du hast immer wieder auch in anderen Kunstformen gearbeitet: Malerei, Musik, Skulpturen, und eine Zeit lang auch als Animationsfilmer. Wie siehst du die verschiedenen Ausdrucksformen im Verhältnis zueinander?

Ich sehe meine Arbeiten in anderen Kunstformen eher als Nebenprojekte. Animationsfilme habe ich ja vor allem gemacht, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das hat geholfen, meine Comicprojekte zu finanzieren, das Gleiche gilt für kommerzielle Illustrationen. Mir hat der Job im Animationsbereich großen Spaß gemacht, ich habe viel gelernt – aber ich sehe ihn doch als den Comics untergeordnet an. Ich würde gerne viele andere Kunstformen ausprobieren. Andererseits gibt es noch so viel, das ich mit meinen Comics erreichen will, dass das mein Hauptfokus bleibt.

Gibt es bei dir einen Austausch zwischen den verschiedenen Kunstformen?

Auf jeden Fall. Einige meiner Skulpturen lassen sich in meinen Comics wiederfinden. In „Leaving Richard's Valley“ gibt es einige Szenen mit Tonfiguren, quasi eine andere Möglichkeit mit meinen Händen zu arbeiten. Und meine Arbeit als Animationsfilmer hat die Art beeinflusst, wie ich zeichne. Animation zwingt dich, sehr präzise und genau zu arbeiten. Du musst einerseits die Dinge sehr vereinfachen. Aber du kannst im Gegensatz zu Comics oft keine einfacheren Lösungen für bestimmte Herausforderungen finden. Das hat mich zu einem effizienteren Zeichner gemacht.

Also eine Art zeichentechnische Ausbildung?

Ja, auf jeden Fall. Auch, weil ich ja keinen Kunsthochschulhintergrund wie viele andere Comicschaffende habe. Beim Animationsfilm habe ich das erste Mal Kritik und andere hilfreiche Rückmeldungen für meine Arbeit bekommen – das war sehr lehrreich.

Bereust du, keine Kunsthochschule besucht zu haben?

Ja, anfangs schon. Es gibt eine Menge technischer Fähigkeiten, die man dort lernen kann und muss, bis hin zu Drucktechnik und Malerei. Aber je mehr ich mit Kolleginnen und Kollegen rede, die auf der Kunsthochschule waren, desto größere Zweifel kommen bei mir auf. Ich habe inzwischen einen zynischeren Blick auf Kunsthochschulen und bin nicht mehr so sicher, dass ich allzu viel verpasst habe.

Wie sieht dein künstlerischer Prozess aus? Du arbeitest ja sehr viel digital – zeichnest du trotzdem auch auf Papier?

Ich arbeite immer öfter nur noch digital, davor anfänglich noch mit Tinte. Bei „Leaving Richard’s Valley“, als lang angelegt Serie geplant, habe ich mir aber einige Freiheiten offengelassen, weil ich wusste, dass ich viel Zeit mit dem Projekt verbringen werde. Daher habe ich hier auch mal Collagen, Fotos, kleine Skulpturen und andere Elemente mit eingebaut. Aber das meiste passiert inzwischen komplett digital.

Es heißt, du habest auch früher schon viele deiner Originalzeichnungen nicht gesammelt, sondern vernichtet. Stimmt das?

Ich habe zumindest viele meiner alten Skizzenbücherweggeworfen, ja, das stimmt.

Wieso denn das?

Das habe ich mir schon früh angewöhnt, weil ich einfach zu viele Skizzenbücher hatte. Es war unpraktisch, sie zu sammeln. Das klingt dramatischer als es ist. Ich mag es einfach nicht, an Dingen festzuhalten – auch nicht an meinen eigenen. Auch weil mir manche der alten Arbeiten im Rückblick peinlich sind. In letzter Zeit habe ich aber Zines aus meinen Skizzenbüchern gemacht und diese in kleiner Auflage selbst veröffentlicht. Das sind für mich die Dokumente meiner Arbeit, mit denen ich mich wohlfühle.

Deine Comics sind inhaltlich sehr vielschichtig angelegt, man findet neben persönlichen Ebenen viel Gesellschaftsanalyse, soziale Beobachtungen, Kapitalismuskritik und andere politische Bezüge. Wieweit verstehst du dich als politischer Künstler?

Ich denke, alles ist politisch. Aber ich bin ambivalent in der Frage, wieweit mein Werk auch politisch sinnvoll ist. Mein Comic „Brat“ handelt von dieser Ambivalenz. Ich denke, meine politischen Ansichten und meine antikapitalistische Einstellung prägen meine Arbeit als Autor. Viele meiner Arbeiten handeln ja davon, wie menschliche Gemeinschaften zusammenkommen, alternative Strukturen bilden und daran scheitern, von „Sticks Angelica“ bis zu „Leaving Richard’s Valley“.

Wieweit sind diese Erzählungen, die von der Utopie alternativer Lebensformen in unserer kapitalistischen Gegenwart erzählen, von Erfahrungen in deinem eigenen Leben inspiriert?

„Leaving Richard'sValley“ nimmt viele Elemente aus der realen Geschichte Torontos auf und verknüpft sie mit fiktionalen Aspekten. Es sind viele Erlebnisse eingeflossen, die ich in politischen und sozialen Gruppen gemacht habe.

Wer dir auf Twitter folgt, kann sehen, dass du dich immer wieder sehr aktiv gegen Gentrifizierung, für starke Gewerkschaften und andere linke politische Ziele einsetzt.

Ja, ich organisiere Kampagnen und Proteste mit und gestalte politische Poster. Aber ich trenne das größtenteils von meiner Kunst.

Neben politischen und sozialen Bezügen finden sich in deinen Comics auch sehr tiefgehende Einsichten in das menschliche Leben, in seine Tragödien und inneren Konflikte. Man hat beim Lesen das Gefühl, dass dies oft sehr persönliche Geschichten sind. Wieweit nutzt du als Autor Quellen wie die eigene Biografie, Tagebücher und Ähnliches?

In meinem Werk gibt es viele autobiografische Elemente, auch wenn sie nicht so direkt offen liegen. Ich habe manchmal das Gefühl, meine Erzählungen greifen wieder und wieder dieselben traumatischen Ereignisse aus meinem Leben auf und behandeln sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln. So wie „Stunt“, das kürzlich erschien. Das ist geistesverwandt mit „First Year Healthy“, eine Art Nachfolger einiger meiner frühen Arbeiten, die ich in meinem Zine „Lose“ veröffentlicht habe. Immer geht es da um Themen wie Suizidalität, psychische Krankheiten, Gesundung – sicherlich Motive, die auch künftig nicht aus meinem Werk verschwinden werden.

Viele deiner Geschichten spielen in einer Welt, die von Tieren, Menschen und Mischwesen bevölkert wird. Besonders interessant sind dabei oft jene Figuren, die tierische und menschliche Eigenschaften vereinen. Was reizt dich an derartigen Figuren?

Einer der größten Einflüsse meiner Kindheit, der mich auch zum Comic gebracht und später meine Arbeit an Erzählungen wie „Ant Colony“, „Sticks Angelica“ und „Richard’s Valley“ beeinflusst hat, war der Zeitungscomic „Bloom County“ von Berkeley Breathed – meine Eltern hatten mehrere Sammelbände davon zu Hause. Einige der wichtigsten Figuren waren ein Pinguin, eine Katze und ein paar andere Tiercharaktere, die mit menschlichen Figuren in einer gemeinsamen Gesellschaft leben. Als ich sechs oder sieben war, habe ich zwar viele der popkulturellen und politischen Bezüge nicht verstanden, aber ich habe gespürt, dass die Witze einen bestimmten Rhythmus hatten. Ich habe gemerkt, dass es witzig ist, ohne zu wissen, wieso. Da habe ich einiges über die Struktur und die zeichnerischen Prinzipien von Comicstrips gelernt. Es macht mir einfach Spaß, Figuren zu entwerfen, die sich wie Menschen geben – und die Pointe am Schluss ist, dass sie sich doch auch wie Tiere verhalten.

Zeitungscomics scheinen auch in formaler Hinsicht deine Arbeit bis heute zu prägen, viele deiner Comics sind aufgeteilt in Strips, die sich zwar zu einer größeren Erzählung zusammenfügen, aber im Grundprinzip „BloomCounty“, den „Peanuts“ und anderen Klassikern ähneln.

Ja, serielle Erzählungen haben mich immer angesprochen, als Künstler wie auch als Leser. Ich mag, dass man sie in kleinen Dosen zu sich nehmen kann. „Ant Colony“ war meine erste längere Arbeit, die ich, die klassischen Sonntagsstrips der nordamerikanischen Zeitungen als Vorbild, anfangs als wöchentlichen Strip umgesetzt habe. „Sticks Angelica“ erschien ebenfalls zunächst als wöchentlicher Strip online und in einer alternativen Wochenzeitschrift in Vermont. Und auch „Richard's Valley“ habe ich wie einen klassischen täglichen Zeitungsstrip angelegt.

Der dann aber nicht in einer Zeitung sondern auf Instagram veröffentlicht wurde – was vom Format her offenbar genauso gut passt.

Ja, absolut. Ich hätte mit einem täglichen Strip wohl keine Chance, von irgendeiner Zeitung veröffentlicht zu werden. Aber mit Instagram erreiche ich sowieso viel mehr Leserinnen und Leser.

Wobei du als Künstler ja zumindest an der direkten Veröffentlichung bei Instagram nichts verdienst, sondern erst später durch Buchveröffentlichungen derselben Arbeiten …

Ich denke trotzdem, dass das Positive überwiegt, wenngleich ich mir manchmal auch Sorgenmache über die wirtschaftliche Abhängigkeit von Plattformen, die irgendwelchen anonymen Konzernen gehören, die nicht wirklich Interessen der Kunstschaffenden vertreten. Andererseits gibt es auch die Plattform Patreon, wo man mich mit Abonnements unterstützen kann, was in etwa meine Miete abdeckt. Meine Hauptverdienstquelle sind allerdings immer noch kommerzielle Illustrationen. Daher stehe ich nicht unter dem Druck, dass meine Bücher mein einziges Einkommen sind. Aber ich denke, die Online-Veröffentlichungen helfen mir unterm Strich mehr, als dass sie schaden. Es hat sich inzwischen ein bestimmtes Wohlwollen bei meinen Fans entwickelt. Oft kaufen sie meine Bücher, auch wenn sie die Geschichten schon online gelesen haben. Ich komme aus der Zine-Kultur, aus der Selbstverleger-Szene. Ich sehe Online-Veröffentlichungen als Verlängerung dieser Kultur. Ich möchte meine Arbeiten so günstig und so zugänglich wie möglich machen, sodass auch Menschen sie lesen können, die sich die Bücher nicht leisten können.

Manche deiner Bücher sind von Dialogen und Plots bestimmt, andere eher vom Fluss der Bilder. Stimmt der Eindruck, dass du manche Storys mit einer Art Drehbuch anfängst und bei anderen eher die Bilder die Regie übernehmen lässt?

Manche Geschichten, wie „First Year Healthy“, sind eher illustrierte Prosa. Die meisten meiner Werke gehe ich ganz ähnlich an: Weder Text noch Illustration sollen dominieren, sondern im Tandem funktionieren. Und während der Arbeit ersetzen dann manchmal Bilder einen Dialog, manchmal ist es andersrum.

Viele deiner Geschichten bestechen durch ihre ausgefeilten Dialoge. Wieweit sammelst du dafür auch Gespräche und andere Beobachtungen aus dem realen Leben?

Ich höre im Alltag genau hin, nehme aber natürlich nicht irgendwelche Dialoge aus meinem Umfeld auf. Bei „Richard’s Valley“ habe ich so viele verschiedene Figuren, dass ich eine Zeit lang einfach zwei Figuren habe reden lassen bis ich zu anderen weitergewandert bin. Ein bisschen wie bei den „Simpsons“. Das hilft, vor allem, wenn man eine tägliche Deadline hat.

Wieweit hast du für diese täglichen Strips regelmäßiges Feedback deiner Leserinnen und Leser bekommen – und wieweit hat das auch mal den Verlauf der Geschichte beeinflusst?

Keine meiner Geschichten, egal ob Serie oder längere Erzählung, hat von Anfang an ein komplettes Drehbuch. Ich improvisiere viel. Ich weiß, was das übergeordnete Thema sein soll und habe ein paar Eckpunkte der Handlung, die ich ansteuere. Aber ich schreibe vorab nicht sehr viel fest. Und was die Rückmeldungen angeht, hat das bei „Richard’s Valley“ zumindest einen kleinen Einfluss gehabt. Da gibt es diesen Frosch, Caroline, der eine wichtige Rolle spielt. Viele Kommentatoren mochten sie anfangs gar nicht, da sie eher als Bösewicht angelegt war.

Wobei sich das ja im Verlauf der Geschichte verändert …

Genau! Ich mochte die Figur sehr, auch wenn sie sich zunächst schrecklich verhält. Aber ich hatte von Anfang an große Sympathie für sie. Die Herausforderung war es dann, meinen Leserinnen und Lesern durch das Herausarbeiten weiterer Facetten, die von ihnen bisher nicht wahrgenommene Seite Carolines zu zeigen.

Viele deiner Figuren sind ambivalent angelegt: Zugänglich und unzugänglich zugleich, sympathisch und doch auch abstoßend…

Als Autor habe ich kein Interesse an Figuren, die zu hundert Prozent sympathisch sind. Ich kenne auch keinen Menschen, der so ist. Ich liebe viele meiner Figuren, und ein bisschen hasse ich sie auch.

Die kanadische Comicszene hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt, sowohl in Bezug auf die Zahl der Künstlerinnen und Künstler als auch hinsichtlich der Bandbreite der unterschiedlichen Ausdrucksformen. Wie erlebst du das?

Ich bin sehr froh, dass sich die Dinge so entwickelt haben. Einer der Gründe für den Umzug von meiner Heimatstadt Ottawa nach Toronto war die starke Szene und Institutionen wie der Comicladen „The Beguiling“ oder das Toronto Comic Arts Festival. Und ich habe hier Annie Koyama kennengelernt, meine langjährige Verlegerin, der ich sehr viel zu verdanken habe. Wir haben großes Glück in einer Stadt mit so vielen Gleichgesinnten zu leben – und in einem Land, in dem es gute staatliche Kunstförderprogramme gibt. Toronto, Montréal, Vancouver – das sind inzwischen alles großartige Comic-Städte.

Wobei viele kanadische Kulturschaffende in letzter Zeit zunehmend unter den Veränderungen der Städte leiden, durch steigende Mieten und Ähnliches verdrängt werden …

Stimmt, immer mehr Orte, die sich der Kunst und Kultur verschreiben, leiden unter der Gentrifizierung, entweder indem das Kapital sie verdrängt oder durch übertriebene staatliche Überwachung – von Galerien und Künstlertreffpunkten bis zu Musikbars und Buchläden – auch eines der Themen in „Richard’s Valley“.

Man sieht dich öfter im Publikum, wenn im „The Beguiling“ neue Künstlerinnen und Künstler ihre Werke vorstellen. Welches sind aus deiner Sicht die interessantesten aktuellen Entwicklungen im kanadischen Comic?

Eine Zeichnerin, die ich erst kürzlich für mich entdeckt habe, ist Silvia Nickerson mit ihrem Buch „Creation“. Ihr Zeichenstil ist so locker, dass ich richtig neidisch bin. Und als Autorin schreibt sie sehr human, ohne sentimental zu sein, was ich sehr schätze. Sie schreibt über Städte, Gentrifizierung, Mutterschaft – ohne dass man am Schluss genau weiß, ob sie pessimistisch oder optimistisch ist. Ich glaube, dieses Buch werde ich noch einige Male lesen.

Das Interview führte Lars von Törne.