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„Es gibt hier unglaublich viele gute Comics zu entdecken“

Thomas-Louis Coté, Direktor des Festivals Québec BD, über interessante Entwicklungen der frankokanadischen Szene

Das Festival Québec BD ist das älteste seiner Art in Kanada, in diesem Jahr findet es zum 33.Mal statt. Festivaldirektor Thomas-Louis Coté erklärt im Interview die Besonderheiten der frankokanadischen Szene, die wachsende Bedeutung lokaler Künstlerinnen und Künstler und gibt Lesetipps aus seiner Heimat.

Thomas-Louis, welche Titel beziehungsweise Autorinnen und Autoren würdest du deutschen Leserinnen und Lesern als Einführung in die Comicszene Québecs empfehlen, und warum?

Betrachtet man zunächst ausschließlich Autorinnen und Autoren, die auch auf Deutsch erscheinen – und natürlich gibt es zusätzlich eine Vielzahl an Büchern, die nicht exportiert wurden – stellen die folgenden Künstlerinnen und Künstler einen repräsentativen Querschnitt der Québecer Comiclandschaft dar:

Julie Doucet ist ohne Zweifel die zentrale Repräsentantin der Québecer Independent-Comicszene der 90er Jahre. Sie war und ist eine prägende Künstlerin für viele Comicschaffende und hat vor allem gerade auch im Ausland eine große Fangemeinde. Leider ist ihr in Québec nicht die Anerkennung zugekommen, die sie verdient hätte. Viele Leserinnen und Leser hier müssen wohl noch einiges über die Comic-Geschichte Québecs lernen.

Michel Rabagliatis Bedeutung für die Comicszene Québecs ist enorm; er hat es mit seinen Arbeiten geschafft, eine neue Leserschaft anzusprechen und zudem auch den Blick der Medien auf Comics verändert. Seine „Paul“-Bücher sind sehr beliebt, gerade auch, weil viele Québecer sich mit seiner Hauptfigur identifizieren können.

Guy Delisle ist ebenfalls einer der kanadischen Autoren, die zunächst im Ausland erfolgreich waren, bevor sie in Québec wahrgenommen wurden. Mittlerweile ist er eine feste Größe in der hiesigen Comiclandschaft und seine Bücher werden mit Spannung erwartet. Als Comicjournalist, der die Welt bereist, ist er zudem ein guter „Botschafter“ für Comics aus Québec.

Jacques Lamontagne hat sich klassischen Comicformaten verschrieben und erscheint bei verschiedenen großen europäischen Comicverlagen. Wie bei anderen Autorinnen und Autoren, die sich eher am ausländischen Markt orientieren, wird er mitunter übersehen, wenn man über Comics aus Québec spricht, aber natürlich stehen auch Künstler wie er für die Lebendigkeit und Diversität des Mediums. Sein neustes Buch „Wild West“ erscheint übrigens pünktlich zum Internationalen Comic-Salon Erlangen bei Splitter.

Isabelle Arsenault begeistert mit ihren wundervollen Illustrationen und großartigen Geschichten gleichermaßen Leserinnen und Leser in Québec sowie außerhalb Kanadas. Ihre preisgekrönten Bücher wurden vielfach übersetzt und bestätigen einmal mehr, dass Comics, trotz örtlich und kulturell geprägter Narrative, ein universelles Medium sein können. Isabelles Bücher stehen exemplarisch auch für die wirklich schönen Publikationen, die beim Québecer Verlag La Pastèque erscheinen.

Allen, die des Französischen mächtig sind, möchte ich zudem Alex A. ans Herz legen, den Autor der Kindercomic-Serie „L'Agent Jean“ – er ist eine echte Ausnahmeerscheinung in Québec. Und nicht zu vergessen wären natürlich auch die großartigen Titel, die in der Édition Pow Pow erscheinen

Wieweit stehen die genannten Künstlerinnen und Künstler exemplarisch für wichtige Entwicklungen in der Comicszene Québecs?

Sie alle beleuchten verschiedene Aspekte wie Comics aus Québec im In- und Ausland wahrgenommen werden und wie sich die Szene weiterentwickelt hat. Julie Doucet und Guy Delisle waren bereits als Comickünstler aktiv, bevor in Québec Publikationen aus dem Indie-Bereich überhaupt ihren Weg zu einem breiteren Publikum gefunden haben, und lange bevor sich Verlage etablieren konnten, die das Wagnis eingegangen sind, Comics aus Québec auf Französisch herauszubringen. Seit 2000 gibt es zunehmend Verlage, die offen für Künstlerinnen und Künstler sind, deren Buchprojekte anspruchsvoller und manchmal sperrig sind. Michel Rabagliati war ein Wegbereiter für viele Comiczeichnerinnen und -zeichner aus Québec und hat, wie gesagt, mit seinen Werken eine größere Leserschaft erschlossen. Seine Arbeit mit La Pastèque, mittlerweile eines der renommiertesten Verlagshäuser, das seine Titel unter anderem durch Übersetzungskooperationen auch verstärkt im Ausland bewirbt, hat dazu geführt, dass er auch international eine größere Aufmerksamkeit erlangt hat. Isabelle Arsenault, Fanny Britt und Julie Rocheleau arbeiten ebenso mit La Pastèque zusammen und profitieren gleichermaßen von deren Bestrebungen sich ausländische Märkte zu erschließen. Diese Autorinnen sind zudem ein hervorragendes Beispiel für die wichtige Rolle, die Künstlerinnen zunehmend in der Comicbranche Québecs einnehmen und dies natürlich absolut zu Recht. Letztlich sind alle nicht nur wichtige Autorinnen und Autoren, sondern auch Botschafter unserer Comic-Kultur. Comics aus Québec werden langsam auch in Deutschland übersetzt. Es gibt so unglaublich viele gute Comics hier und ich hoffe sehr, dass deutschsprachige Verlage sie für ihr Programmentdecken und somit vielen Leuten zukünftig ihre Lektüre ermöglichen.

Québec wurde kulturhistorisch maßgeblich durch drei verschiedene Aspekte geprägt: Das starke französische Erbe, die es umgebende, dominante anglo-amerikanische Kultur und unterschiedliche indigene Einflüsse. Trifft diese Einschätzung auch für Comics aus Québec zu?

Diese Mischung aus französischen, britischen und amerikanischen Einflüssen hat sicherlich auch die Entwicklung unserer Comiclandschaft geprägt. Historisch gesehen, lag die erste Blütezeit für québecer Comics im Zeitungswesen, das eine Vielzahl an Comics publizierte. Die Arbeiten damals wurden vor allem von amerikanischen Comicstrips beeinflusst. Vor diesem Hintergrund kamen Sprechblasen bei Künstlern wie Alberic Bourgeois bereits zum Einsatz, bevor dies rund 20Jahre später in Europa ein allgemein verbreitetes Verfahren wurde. Aber im Verlauf der Zeit hat sich durch die stärkere Präsenz von europäischen Comics in Québec die Situation verändert. Im Zuge der Erneuerung des Mediums in den 70er Jahren ließen sich viele Comiczeichnerinnen und -zeichner von einer neuen Welle an europäischen Künstlerinnen und Künstlern und Magazinen („Fluide Glacial“, „Metal Hurlant“) inspirieren. Heute sind die Einflüsse mannigfaltig – grafische Literatur aus Europa, Comics aus den Vereinigten Staaten und Mangas aus Japan, die zunehmend auch hier populär sind. Was die Verbreitung von Comics und ihre Leserschaft betrifft, so waren vor allem beliebte franko-belgische Comicserien die wichtigste Referenzgröße. Aber durch die Lebendigkeit der Szene in Québec verschiebt sich das gerade. Die Leser heute können auf eine große Bandbreite an Comics zurückgreifen, die sich besonders durch ihre Diversität auszeichnet. Die Perspektive auf Comics hat sich geöffnet, ist globaler geworden. Indigene Einflüsse sind mit Sicherheit prägend für unsere Kultur im Allgemeinen, spielen aber im Bezug auf Comics in Québec nur am Rande eine Rolle. Natürlich gibt es Publikationen, die reflektieren, welche wichtige Bedeutung ihnen bei der Ausprägung unserer kulturellen Identität zukommt, aber es gibt hier nicht so viele Künstlerinnen und Künstler aus indigenen Gemeinschaften, zumindest gegenwärtig. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass sich diese Momentbeschreibung in den kommenden Jahren im positiven Sinne entwickeln wird.

Québec BD, das Festival, das du leitest, scheint in den vergangenen Jahren eine zentrale Rolle für die Entwicklung der Comicszene in Québec gespielt zu haben. Was ist in deinen Augen kennzeichnend oder typisch für euer Festival und wie hat sich die Szene seit der ersten Ausgabe des Festivals verändert?

Das Festival ist das älteste seiner Art in Kanada und hat das stetige Aufstreben der Szene natürlich nicht nur begleitet, sondern auch gefördert. Zu Beginn lag der Fokus vor allem auf ausländischen Zeichnerinnen und Zeichnern, da sehr viel weniger Künstlerinnen und Künstler aus Québec verlegt wurden. Als ich die Leitung 2005 übernahm, haben wir das bewusst verändert und begannen verstärkt mit einheimischen Autorinnen und Autoren zusammenzuarbeiten, auch um die wachsende Bedeutsamkeit des Mediums in Québec widerzuspiegeln. Zu dieser Zeit nahmen viele Verlage die Arbeit auf, neue Künstlerinnen und Künstler kamen hinzu, Comics erreichten ein größeres Publikum und irgendwann wurden auch die Medien auf dieses Phänomen aufmerksam. So war es ganz natürlich, dass auch das Festival sich veränderte. Als jährlicher Treffpunkt für die unterschiedlichsten Comickünstlerinnen und -künstler hat das Festival sicherlich auch zum Zusammenwachsen der Szene im Sinne einer gestärkten Comic-Gemeinschaft beigetragen. Und sicherlich haben viele aufstrebende Autorinnen und Autoren unsere Veranstaltung als Sprungbrett genutzt, um erste Veröffentlichungen oder Projekte, die im Eigenverlag entstanden sind, zu lancieren. Mittlerweile haben sich viele von ihnen einen Namen gemacht. Live-Zeichnen hat schon immer eine wichtige Rolle in unserer Programmplanung gespielt und wir kombinieren es auf der Bühne gerne mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen (Tanz, Poesie, Erzählkunst, Artistik, Burlesque und so weiter). Das ist für viele Autorinnen und Autoren erstmal neu und gewöhnungsbedürftig, aber viele von ihnen haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht und mittlerweile eigene Projekte entwickelt. Einige unserer Aktionen, wie die „Ligue québécoise d’impro BD“ haben andere dazu angeregt eigenständige Projekte zu starten und die vielfältigen Möglichkeiten zu entdecken, die Comickunst bietet. Letztendlich haben unsere Bestrebungen Kooperationen mit anderen Festivals weltweit einzugehen, vielen Künstlerinnen und Künstlern die Chance eröffnet, ins Ausland zu reisen und dort ihre Arbeiten zu promoten. Besonders jetzt, da Leserinnen und Leser überall auf der Welt daran interessiert sind, neue Entdeckungen zu machen, sind wir überzeugt, dass die Zeit reif ist, Comics aus Québec bekannt zu machen.

In der westlichen Welt hat sich seit den 90er Jahren eine Entwicklung abgezeichnet, die die Anerkennung von Comics als Kunstform, die im Speziellen eine erwachsene Leserschaft anspricht, vorantreibt. In den vergangenen Jahren scheinen Verlage aber auch zunehmend wieder junge Leserinnen und Leser für sich zu entdecken – vermutlich auch, weil die Verkaufszahlen in diesem Bereich deutlich höher sein können. Beobachtest du eine derartige Entwicklung auch in Québec?

Das ist tatsächlich auch hier der Fall. In jüngster Zeit, begünstigt durch die Erfolge von Serien wie „L’Agent Jean“ von Alex A., gibt es zunehmend mehr Titel und auch Möglichkeiten für Autorinnen und Autoren, die sich an eine junge Leserschaft wenden. Bei einigen der verkaufsstärksten Titel in Québec handelt es sich um Serien für Kinder. Verlage, die früher nur wenige Comics für ein junges Publikum im Programm hatten, bauen ihr Angebot deutlich aus. Comicautorinnen und -autoren, die in Europa verlegt werden, verzeichnen ebenfalls gute Erfolge im Bereich Kindercomics – „Les Nombrils“ von Delaf & Dubuc ist bei Dupuis eine der am besten verkauften Serien. Auch La Pastèque hat für seine aktuellen Kinder- und Jugendcomics mit Titeln wie „Jane, der Fuchs & ich“ (Anm. d. Red.: auf Deutsch erschienen bei Reprodukt), das vielfach übersetzt wurde viel Kritikerlob erhalten. Ich bin sehr glücklich über diese Entwicklung – zum ersten Mal in der Geschichte des Comics aus Québec, können junge Leserinnen und Leser das Genre durch die Lektüre von einheimischen Titeln kennenlernen und entdecken. Spricht man mit einem älteren Publikum, sind es zumeist europäische Serien wie „Tintin“ (Tim und Struppi) oder „Spirou“, die genannt werden. Jetzt können junge Leserinnen und Leser irgendwann nostalgisch auf „L'Agent Jean“, „Smikee“ und andere zurückblicken.

Betrachtet man auf die kanadische Comicszene als Ganzes: Was sind die zentralen Gemeinsamkeiten zwischen den französischsprachigen (im Besonderen Québec) und englischsprachigen Teilen Kanadas – und welches die wichtigsten Unterschiede?

Ich denke, die Comicszenen im englischsprachigen Kanada und in Québec haben sich im Lauf der Zeit in unterschiedliche Richtungen entwickelt, vor allem bedingt durch die stärkere Präsenz von europäischen Publikationen in Québec. Heutzutage verschwimmt diese Unterscheidung aber immer mehr. Aus meiner Sicht wurde die englischsprachige Szene besonders durch traditionelle Mainstream- und Indie-Comics aus den Vereinigten Staaten geprägt. Comics im französischsprachigen Teil Kanadas standen lange vielmehr in der Tradition der klassischen franko-belgischen Albenkultur, mit der Besonderheit, dass sich übersetzte amerikanische Comics zu diesen Büchern gesellten, sich vermischten. Aber im Zuge des Aufstrebens der freien Comicszene im Europa der 90er Jahre, entstanden auch in Québec Verlage, die offen für künstlerische Neuerungen waren, die eher der amerikanischen Independent-Szene nahestanden. Es gibt trotzdem immer noch viele Autorinnen und Autoren, die mit europäischen Verlagshäusern zusammenarbeiten, da sie das Gefühl haben, ihre Projekte und Formate sind passender für diesen Markt. Ich glaube, dass weniger Titel aus den englischsprachigen Teilen Kanadas für den europäischen Mainstream-Markt übersetzt werden. Gleichwohl gibt es anderseits mehr und mehr Beispiele, die zeigen, dass europäische Verleger daran interessiert sind, was im Rest von Kanada veröffentlicht wird.

Kanada ist bekannt für seine ausgeprägte Unterstützung der Kunst durch Stipendien und Fördermittel, von denen auch Comickünstlerinnen und -künstler profitieren. Wie sieht es diesbezüglich in Québec aus?

Kulturschaffende und kulturelle Organisationen in Québec haben glücklicherweise zusätzlich zur staatlichen Unterstützung durch das Canada Council for the Arts auch Zugriff auf weitere Fördermöglichkeiten, die über das „Conseil des arts et des lettres du Québec (CALQ)“, das Kultusministerium, die „SODEC – Société de développement des entreprises culturelles“ (Gesellschaft für kulturwirtschaftliche Entwicklung) und andere öffentliche Einrichtungen angeboten werden. Die unterschiedlichen Programme und Stipendien haben über die Jahre dazu beigetragen, dass sich eine vitale Kulturlandschaft in Québec entwickeln und einheimische Künstlerinnen und Künstler und ihre Werke im In- und Ausland bekannt werden konnten.

Das Interview führte Lars von Törne.

Festival Québec BD