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Ein kanadischer Superheld

© Lars von Törne

Superman ein US-Amerikaner? Das kann man auch anders sehen. Die Joe Shuster Awards erinnern seit 15 Jahren an die Wurzeln des Superhelden in Toronto – und noch einiges mehr

Unter den kostümierten Superhelden der großen US-Comicverlage DC und Marvel gilt er als der amerikanischste, obwohl er der Legende zufolge vom fernen Planeten Krypton stammt. Aber wenn Superman alias Clark Kent in Comics, Zeichentrick- und Kinofilmen Bösewichte durch seine Heimatstadt Metropolis jagt, dann zweifelt kaum jemand daran, dass hier ein amerikanischer Kämpfer für das Gute die USA vor dem Untergang rettet: „Superman ist ein uramerikanisches Vorbild“, heißt es auf einer der zahllosen Fanseiten im Internet.

US-patriotisch geprägte Huldigungen wie diese ärgerten den Kanadier James Waley vor einigen Jahren sehr: „Superman hat kanadische Wurzeln!“, sagte der Zeichner und Autor 2005 in einem Interview mit dem Tagesspiegel. „Es ist höchste Zeit, das endlich anzuerkennen.“

Waley lebt inToronto, jener kanadischen Großstadt, aus der einer der beiden Superman-Schöpfer, der Zeichner Joe Shuster (1914–1992), ursprünglich stammte – und die ihm offensichtlich auch als Inspiration für seine Fantasiestadt Metropolis diente, wie Waley und andere kanadische Comicfans hervorheben. Dieser Hintergrund war allerdings nach den ersten in den USA veröffentlichten Superman-Comics in den 30er Jahren weitgehend in Vergessenheit geraten, nicht zuletzt dank der Hollywoodfilme der 70er und 80er, in denen Metropolis optisch mehr an New York als an Toronto erinnerte.

Deswegen haben Waley und seine Mitstreiter lange dafür geworben, die kanadischen Wurzeln des kostümierten Muskelmannes wieder in die Öffentlichkeit zu bringen. Sie riefen vor 15 Jahren die „Joe Shuster Awards“ ins Leben, mit denen seitdem jährlich kanadische Comiczeichner und -autoren geehrt werden. Die erste Preisverleihung fand Anfang 2005 in Toronto statt. Seitdem hat wohl jeder wichtige kanadische Comicschaffende mindestens einen dieser Preise bekommen, die in mehreren Kategorien vergeben werden. Unter den Geehrten sind Fiona Staples („Saga“), Jillian Tamaki („SuperMutant Magic Academy“), Jeff Lemire („Sweet Tooth“) und Guy Delisle („Geisel“).

„Joe Shusters Jugend in Toronto war die Inspirationsquelle für sein ganzes späteres Werk“, sagt Waley über den Superman-Zeichner, der 1914 in Toronto geboren wurde und hier die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte. Zwar zog er dann mit seiner Familie in die US-Stadt Cleveland; als er mit Anfang 20 gemeinsam mit dem dort aufgewachsenen Texter Jerry Siegel die Superman-Figur erfand, stand jedoch nicht Cleveland Pate für Metropolis, sondern eben Toronto, sagt Zeichner Waley.

Zum Beweis zitiert er aus einem Interview, das ein Freund von ihm kurz vor Joe Shusters Tod 1992 mit dem Zeichner geführt hat: „Cleveland war lange nicht so großstädtisch wie Toronto; die Gebäude Torontos waren in meiner Erinnerung und wurden in meiner Arbeit zu Metropolis“, sagte Shuster damals. Die Wolkenkratzer, die Superman mit einem Satz überspringt, seien direkt der Skyline der kanadischen Metropole nachempfunden. Die Zeitung, bei der Supermans Alter Ego Clark Kent als Reporter arbeitet, war anfangs nach der Torontoer Zeitung „Daily Star“ benannt, bei der Shuster als Zeitungsjunge arbeitete. Erst später verlangte der US-Herausgeber die Umbenennung in „Daily Planet“. Und wer sich die ersten Superman-Hefte genau anschaut, sieht auf Shusters Zeichnungen sogar die Straßenbahn von Toronto zwischen den Häusern hindurchfahren.

„Das Problem von uns Kanadiern ist, dass wir oft zu bescheiden sind“, sagt Zeichner James Waley als Erklärung dafür, wieso die kanadischen Wurzeln des vermeintlich amerikanischen Helden so lange ungewürdigt blieben. Erst langsam habe sich die Stimmung gewandelt. „Dieser Zeichner aus Toronto legte die Grundlagen für die moderne amerikanische Comicindustrie, deren Folgen bis ins heutige Hollywood reichen“, sagt James Waley mit Anspielung auf aktuelle Verfilmungen diverser Comics.

Unterstützung bekamen diese Bemühungen in den vergangenen Jahren auch von der kanadischen Post. 2013 veröffentlichte das Staatsunternehmen eine Serie mit Briefmarken, die Superman als kanadischen Held feiert. Dafür wurden Zeichnungen der Figur aus verschiedenen Epochen verwendet. „Metropolis ist offensichtlich vom Toronto der Depressions-Ära inspiriert worden“, erklärte die Canada Post Corporation damals auf ihrer Website. Sie erinnerte zudem ebenfalls an Shusters Job als Schüler beim „Toronto Daily Star“ – der seit 1971 nur noch „Toronto Star“ heißt – und macht auf die äußerlichen Parallelen aufmerksam, die die Zentrale der Comic-Zeitung „Daily Planet“ mit dem einstigen Gebäude der Torontoer Zeitung in der King Street aufweise.

Die Leitung der Joe Shuster Awards liegt inzwischen bei Kevin Boyd, der unter anderem durch die Mitarbeit im Organisationsteam des Festivals Fan Expo Canada gut in der Comicszene vernetzt ist. Wenn man ihn fragt, wieweit die Shuster Awards das internationale Bewusstsein für kanadische Comickünstlerinnen und -künstler geschärft haben, betont er, dass bereits vor 15 Jahren manche kanadische Comicschaffende wie Darwyn Cooke und Bryan Lee O'Malley weit über ihre Landesgrenze hinaus bekannt waren. Was sich aber geändert habe, sei die Zunahme derjenigen, die in der Öffentlichkeit überhaupt als Kanadier erkennbar sind. Denn viele Autorinnen und Autoren sowie Zeichnerinnen und Zeichner, die man in der Vergangenheit vielleicht eher für US-Amerikaner oder Franzosen gehalten habe, träten jetzt expliziter als Kanadier auf.

Für 2020 ist eine weitere Ehrung von Joe Shuster in Kanada geplant: Nachdem vor ein paar Jahren bereits eine eher unscheinbare Straße in einem Neubaugebiet im Westen Torontos den Namen Joe Shuster Way erhielt, soll in der Stadt in diesem Jahr eine Plakette zu Ehren des Zeichners enthüllt werden, kündigt Kevin Boyd an. Diese soll danach in eben jener Straße angebracht werden, die nach dem Superman-Zeichner benannt ist – auch wenn der als Kind mit seiner Familie nicht hier, sondern in anderen Vierteln der Stadt gelebt hat.

Zu den Fans des kostümierten Superhelden gehörte auch der kanadische Autor Mordecai Richler (1931–2001). Für ihn war Superman nicht nur von der Herkunft seines Schöpfers her Kanadier, sondern auch von der Anlage seiner ambivalenten Persönlichkeit, wie sie Shuster und Siegel erdacht haben: Als Zivilist Clark Kent bescheiden und unscheinbar, aber als Superman ein universaler Held voller Stärke, Tempo und Durchhaltevermögen – eine Beschreibung, die Richler zufolge genau auf Kanada als Land zutrifft.

Von Lars von Törne