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„Die Superhelden zahlen meine Rechnungen“

Der Zeichner Ramón Pérez über die Balance zwischen Mainstream- und Independent-Comics, das R.A.I.D.-Atelier und die Besonderheiten der kanadischen Comicszene

Sein Name findet sich auf den Covern zahlreicher Superhelden-Comics der großen US-Verlage Marvel und DC, von „Hawkeye“ über „Spider-Man“ bis zu „X-Men“". Zugleich ist Ramón Pérez auch der Zeichner anspruchsvoller literarischer Comicerzählungen wie „Tale of Sand“, basierend auf einem Drehbuch von „Muppets“-Schöpfer Jim Henson und Jerry Juhl oder der Charlotte-Brontë-Adaption „Jane“, für die er mit der Autorin Aline Brosh McKenna zusammenarbeitet.

Vor drei Jahren machte eines seiner Werke sogar international Schlagzeilen: Zusammenmit dem kanadischen Autor Chip Zdarsky schuf Pérez den Marvel Comic „Civil War II: Choosing Sides“ – in dem Premierminister Justin Trudeau einen schlagkräftigen Auftritt hat, der in vielen Medien weltweit aufgegriffen wurde.

Daneben ist der Torontoer Künstler auch Manager des Gruppenateliers „R.A.I.D.“ (Royal Academy of Illustration and Design), das inzwischen auch als Verlag fungiert und drei Anthologien mit Comic-Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Wir treffen ihn zum Gespräch in einem umgebauten Restaurant in West-Toronto. Im vorderen Bereich sieht es noch sehr nach Baustelle aus. „Hier sollen eine Galerie und ein Café reinkommen“, erzählt Ramón Pérez. Im hinteren Bereich sind die Umbauarbeiten bereits abgeschlossen: Hier steht ein gutes Dutzend Schreibtische mit Bildschirmen – die Arbeitsplätze von Pérez und anderen R.A.I.D.-Mitgliedern.

Ramón, du zeichnest anspruchsvolle literarische Graphic Novels wie auch zahlreiche Mainstream-Superheldenserien. Wie hältst du diese beiden Seiten deiner Kreativität im Gleichgewicht?

Das ist eine Mischung, die sich aus der Notwendigkeit heraus ergeben hat. Einerseits liebe ich es, an Superheldengeschichten und ihresgleichen zu arbeiten. Andererseits gehört mein Herz kreativeren Projekten wie „Tale of Sand“ und „Jane“. Die Superhelden zahlen meine Rechnungen, und die anderen Projekte sind gut für die Seele, wenn man so will. Es kann allerdings rein körperlich manchmal schwierig sein, beides in einer Balance zu halten, besonders im Hinblick auf die Arbeitszeit. Das Ergebnis sind oft zu lange Arbeitstage, dazu kommen ungesunde Ernährung und schlechte Schlafgewohnheiten, bis ein Projekt fertiggestellt ist. Meistens mache ich zwei Sachen gleichzeitig, daher ist das eine Balance, an deren Perfektionierung ich immer noch arbeite. In den nächsten Jahren würde ich gerne mehr unabhängige kreative Projekte verfolgen und nur hin und wieder ausgewählte Superhelden-Sachen zwischendurch machen - im Moment ist aber noch das Gegenteil der Fall.

Auch andere kanadische Zeichner haben so gemischte Portfolios wie du, von Jeff Lemire über Michael Cho bis zu Karl Kerschl. Wieweit ist es normal für kanadische Comiczeichner und Autoren, einerseits ihre eigenen unabhängigen Projekte zu verfolgen und andererseits für die großen Konzerne zu arbeiten?

Ich würde sagen, das ist nicht nur in Kanada so. Ich denke, kreative Menschen im Comic wie in anderen Bereichen haben zu einem gewissen Grad immer das Bedürfnis, ihre eigenen Projekte zu verfolgen. Ich denke, da gibt es eine Bandbreite: Während einige Künstler einfach zufrieden damit sind, am nächsten Spider-Man- oder Batman-Heft zu arbeiten, ist das für andere nur eine Zwischenstation, ein Umweg.

Du bist neben deiner Arbeit als Zeichner auch der Chef des Künstlerateliers R.A.I.D. – wo würdest du es im Kontext der kanadischen und nordamerikanischen Comicszene verorten?

R.A.I.D. ist ein gemeinschaftlicher Ort, der ein kreatives Ökosystem für Künstlerinnen und Künstler sowie Autorinnen und Autoren bietet, die in Comics und verwandten Medien arbeiten. Dazu gehören unter anderem Illustration, Animation, Kinderbücher, Videospiele, Fernsehen und Film. Innerhalb dieses Co-Working-Raums gibt es das Kollektiv namens The RAID Studio. Aufgrund der Vielfalt der Kreativen, die hier arbeiten, bilden wir so etwas wie eine Brücke zwischen den – unter Umständen fälschlicherweise so genannten –Mainstream-Comics und Indie-Comics, denn unsere Mitglieder arbeiten oft in beiden Gebieten. Daher können wir zwischen den beiden Genres hin- und herspringen und zugleich das Beste beider Welten zusammenbringen.

Wieweit gibt es innerhalb des Studios einen Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen wie Animation, Illustration, Drehbuchschreiben, Spieleentwicklung und anderen?

Die Vielfalt der Mitglieder bei R.A.I.D. zeigt beispielhaft, was das Schöne an so einem Studio ist. Hier gibt es mannigfaltige Formen der Zusammenarbeit einzelner Kreativer mit anderen, sei es bei unabhängigen Projekten, Projekten für Konzerne, und allem dazwischen. Unsere Größe erlaubt es, uns sehr gut an die Bedürfnisse großer und kleiner Kunden anzupassen. Und wir können gleichzeitig für persönlichere Projekte kooperieren.

R.A.I.D. fungiert auch als Herausgeber. Bislang habt ihr drei Anthologien mit Comic-Kurzgeschichten veröffentlicht, die eine enorm große Bandbreite an Zeichenstilen und Erzähltechniken zeigen. Was ist der gemeinsame Nenner der R.A.I.D.-Künstlerinnen und Künstler?

Unsere Leidenschaft für gute Geschichten und für die Kunstform Comic. Jeder von uns hat einen eigenen Zugang – und durch die Zusammenarbeit, die innerhalb des Studios ganz natürlich passiert, wächst die Vielfalt. Aus der Liebe zum Geschichten erzählen und zum Comic erwuchs die Idee einer jährlichen Anthologie, die eine Art Schaufenster für unser Atelier und die Künstlerinnen und Künstler aus unserem Netzwerk darstellt. Die Sammlung erlaubt es, unsere Ideen zu teilen, bietet ein Testfeld und ist zudem ein Portfolio für unsere Kunden. Dafür haben wir RAID Press gegründet – quasi als verlängerter Verlagsarm unseres Ateliers. Und wenn wir damit Erfolg haben, wollen wir noch mehr eigene Inhalte veröffentlichen.

Wenn man eure Anthologien liest, zeigt sich ein Fokus auf fiktionale Genre-Geschichten, von Science-Fiction über Fantasy und Abenteuer bis zu Action-Storys. Sind dies die Genres, in denen sich die R.A.I.D.-Mitglieder am wohlsten fühlen?

Es gibt in den Anthologien eine große Vielfalt an unterschiedlichsten Geschichten. Die meisten tendieren zwar zu den genannten Genres, aber wir haben auch Comedy, Slice-of-Life-Geschichten, Dramen und Horror. Es gibt für unsere Anthologien keine Vorgaben, Künstlerinnen und Künstler können ganz frei die Geschichten präsentieren, die sie vielleicht sonst nicht erzählen können. Oder mal ein für sie neues Genre ausprobieren. Genre und Stil dieser Erzählungen werden sich bestimmt mit der Zeit verändern, weiterentwickeln.

R.A.I.D. gibt es seit 2002. Wie hat sich die kanadische Comicszene seitdem entwickelt?

Ich arbeite seit 1996 als freiberuflicher Künstler. 1998 bin ich nach Toronto gezogen und habe mich dem kreativen Netzwerk hier angeschlossen. Seit 2005 bin ich bei R.A.I.D. Die Torontoer Szene ist ständig in Bewegung und hat sich seitdem ziemlich verändert. Es gab und gibt immer noch ein paar große Künstler, die diese Stadt ihr Zuhause nennen. Wir haben eine Menge Verleger kommen und gehen sehen. Die 90er Jahre erlebten zum Beispiel das Ende des unabhängigen Verlages Vortex-Comics …

… in dem damals unter anderem Arbeiten von Howard Chaykin und Chester Brown verlegt wurden …

Genau. Aber die frühen 2000er brachten dann vorübergehend neue unabhängige Verlage wie Speakeasy, die für Titel wie „Beowulf“, „Grimoire“ und „Rocketo“ bekannt waren. Ich habe für die den Comic „Spellgame“ gezeichnet, die Titelbilder kamen damals von Darwyn Cooke. In den vergangenen Jahren folgte dann unter anderem Chapterhouse, wo die Abenteuer klassischer kanadischer Comic-Helden wie Captain Canuck erscheinen. In Kanada findet mit der Fan Expo Canada das drittgrößte Popkultur-Festival Nordamerikas statt. Und das international angesehene Toronto Comic Arts Festival bringt einmal im Jahr für ein fantastisches Wochenende Kreative aus der ganzen Welt nach Toronto. Hier kommen Comics und ihre Schöpfer zusammen – und es gibt Ebbe und Flut wie in einem großen Gewässer. Manchmal steigt das Wasser und ist voller Energie, manchmal ist es eher ruhig und fließt dafür kraftvoll.

Kanadische Comiczeichner haben den Vorteil, dass der US-Markt direkt vor der Tür liegt. Zugleich erhöht das in bestimmten Bereichen die Konkurrenz. Wieweit ist das für euch bei R.A.I.D. eher von Vorteil oder eher eine Herausforderung?

Die räumliche Nähe zum US-Markt ist auf jeden Fall mehr Vorteil als Herausforderung. Wir als Kreative leben zwar in Toronto und anderen Orten Kanadas, aber unser Markt ist definitiv der ganze Kontinent, wo auch immer wir uns mit unserer Arbeit hinbewegen wollen. Ich bezweifle, dass es in Kanada jemals so große Verlage wie Marvel, DC oder Image geben wird. Wir haben einfach nicht den Markt, um das lukrativ zu machen. In Kanada können wir uns dafür darauf konzentrieren, kleinere, innovativere Projekte und Unternehmen aufzubauen – die dann eben auch den großen Markt direkt vor unserer Tür nutzen können.

Das Interview führte Lars von Törne.