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Die geheime Liebe der Schriftstellerin

© Lars von Törne

Margaret Atwood wird weltweit für ihre Romane gefeiert. Doch auch als Comicautorin hat die Kanadierin Erfolg. Schon seit ihrer Kindheit zeichnet sie auch selbst Bildgeschichten – wir zeigen eine Auswahl

Punkt, Punkt, Komma, Strich – aber fertig ist Margaret Atwood noch nicht. Konzentriert schaut die Schriftstellerin auf das Papier vor sich. Mit schnellen Bewegungen wirft sie mit dem schwarzen Filzstift weitere Linien aufs Papier. Gut zwei Jahre ist es her, da gab die heute 80-Jährige eine spontane Kostprobe ihres zeichnerischen Könnens. Anlass war ein Interview in einem Café in der Nähe der Universität von Toronto, in deren Nähe Atwood lebt.

Mit sicherem Strich bringt sie wild gelockte Haare und den restlichen Körper zu Papier, dreht den Block zu ihrem Gegenüber, und tatsächlich: Da schaut einen eine Comicversion von Margaret Atwood an, die in der Hand ihr aktuelles Buch hält und genauso verschmitzt lächelt wie jetzt das Original.

Margaret Atwood gilt als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihre Bücher sind globale Bestseller und wurden wie zuletzt „Der Report der Magd“ und „Alias Grace“ erfolgreich verfilmt. 2017 hat sie in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekommen. Und 2019, im Jahr ihres 80. Geburtstags, wurde sie weltweit ein weiteres Mal mit viel Lob bedacht. Anlass war das Erscheinen von „Die Zeuginnen“, dem Nachfolgeroman zum „Report der Magd“, der international ein Publikumserfolg wurde – beflügelt auch durch die international gefeierte TV-Adaption des Stoffes.

Was allerdings kaum jemand weiß: Die kanadische Autorin zeichnet auch ziemlich gute Comic-Strips und ist zudem die Autorin der Comic-Trilogie „Angel Catbird“, die sie zusammenmit dem kanadischen Zeichner Johnnie Christmas geschaffen hat. Die vor allem für junge Leser gedachte Superhelden-Geschichte um ein Mensch-Tier-Mischwesen, hat in Nordamerika viel Beachtung gefunden.

Nach dem Erfolg dieser Reihe legte sie kürzlich zusammen mit dem kanadischen Comiczeichner Ken Steacy die fantastische Abenteuergeschichte „War Bears“ nach, in der eine Heldin mit Bärenkräften im Zweiten Weltkrieg den Kampf gegen Nazi-Deutschland unterstützt.

„Comics zeichne ich seit meiner Kindheit“, erzählt Atwood im Interview. Und zwischendurch habe sie auch mal ein Kinderbuch geschrieben und selbst illustriert. Ausgewählte Strips kann man auf ihrer Website einsehen. Darin spießt sie zum Beispiel nervige Begegnungen mit Journalisten satirisch auf. So wie jene mit einem Reporter, der ihr forsche Fragen stellte, ohne ihre Bücher zu kennen und deren Titel dann auch noch falsch zitierte.

Weitere Beispiele ihres zeichnerischen Könnens finden sich im Anhang zu „Angel Catbird“. Eine deutsche Übersetzung ist nicht absehbar. Für die von Atwood geschriebene Action-Fabel, deren Held ein mutierter Mensch mit den Eigenschaften einer Katze und eines Vogels ist, hat die Autorin Figuren- und Kostümentwürfe skizziert, die Zeichner Christmas dann im Stil klassischer Superhelden- Comics umgesetzt hat.

„Angel Catbird“ verbindet, wie oft auch Atwoods Romane, eine fantastisch-dystopische Erzählung mit einer politisch-ökologischen Botschaft. In diesem Fall geht es um den Umgang der Menschen mit Katzen und Vögeln, die der Umweltaktivistin Atwood gleichermaßen am Herzen liegen. „Beide Tierarten sind bedroht“, sagt sie. „Also habe ich überlegt, wie man dieses Thema anpacken und Katzenbesitzer dafür sensibilisieren kann, dass ihre Tiere eine große Bedrohung für frei lebende Vögel sind.“

Daraus entstand die Figur eines Superhelden, der teils Katze und teils Vogel ist. „Daher sieht er beide Seiten des Problems und kann so praktisch vermitteln, wie man beide Tierarten besser schützen kann.“ Die Comicreihe wurde mit dem kanadischen Science- Fiction- und Fantasy-Preis Aurora Award ausgezeichnet.

Atwoods Comic, in dem ein wahnsinniger Wissenschaftler die Weltherrschaft mit einer Ratten-Armee erlangen will, erinnert stilistisch an die „Goldene Ära“ des Superheldencomics. Das ist kein Zufall. Die 1940er Jahre waren eine prägende Zeit für die 1939 geborene Margaret Atwood, die mit Comics lesen lernte. Über ihre älteren Brüder war sie immer gut mit Nachschub versorgt.

Die Auswirkungen hat sie in einem Comic-Strip festgehalten, der 2016 in der Anthologie „The Secret Loves of Geek Girls“ veröffentlicht wurde und der auf der gegenüberliegenden Seite zusammen mit einigen anderen Arbeiten Atwoods zu sehen ist.

Da erkennt man die kleine Margaret mit einer rosa Schleife im Haar, wie sie ihren Brüdern beim Comiclesen zuschaut, die dabei kleine Knurr- und Grunzlaute ausstoßen. Dann schnappt sie sich ein Heft, setzt sich damit in die Ecke – und kurz darauf entfährt auch ihr ein erstes Grunzen, was sie mit kindlichem Stolz erfüllt.

In einem anderen selbst gezeichneten Strip verarbeitet sie ihr Brillen-Trauma. In der High School musste sie eine Hornbrille tragen, was sie bei Tanzabenden vehement ablehnte. So bestehen Atwoods Erinnerungen an die Tanzpartner jener Jahre aus Bildern, in denen man nur das Ohr, den Hals, die Schulter oder den Kragen des jeweiligen Freundes sieht.

„Als Jugendliche war ich ein großer Fan von Asterix“, sagt Atwood, vor allem der Wortwitz dieser Reihe habe es ihr angetan. In den 70er Jahren entdeckte sie dann die Comics der kürzlich gestorbenen französischen Zeichnerin Claire Bretécher („Die Frustrierten“), die den Alltag ihrer vor allem weiblichen Protagonistinnen mit schonungslosem Humor schildert.

Atwood mag auch viele zeitgenössische Comics. So Jeff Lemires melancholische Superhelden-Serie „Black Hammer“, die aktuell auf Deutsch veröffentlicht wird, den Comic „Ladykiller“ um eine mörderische Hausfrau sowie „Ms. Marvel“ von der Autorin G. Willow Wilson, die der Superheldin eine muslimische Identität und lebensnahe Geschichte verpasste und dafür viel Zuspruch bekam. Auch Reihen wie „Squirrel Girl“, „Blacksad“, „Sex Criminals“ und die Drag-Queen-Geschichte „Mama Tits Saves the World“ gehören zu Atwoods Comic-Favoriten, wie sie erzählt.

Auf sehr positive Resonanz stieß im vergangenen Jahr auch ein anderer Comic mit Atwood-Beteiligung: Die kanadische Zeichnerin Renée Nault hat Atwoods dystopischen Klassiker „Der Report der Magd“ in stark vedichteten Tuschezeichnungen als Graphic Novel umgesetzt und dafür viel Lob der Kritik erhalten.

Hätte Sie mit ihrem künstlerischen Talent nicht Comics wie „Angel Catbird“ oder eine grafische Adaption ihres Romans auch selbst zeichnen können? „Nein“, sagt Atwood bestimmt, „für eine so lange Geschichte zeichne ich nicht gut genug.“ Und es sei auch ein Zeitproblem. „Comics zu zeichnen ist verdammt viel Arbeit.“

Unter ihren Fans, die sie vor allem als Schriftstellerin schätzen, werden Margaret Atwoods Ausflüge in die Comicwelt ambivalent aufgenommen. Einige hätten gesagt: „Oh Margaret, Sie sind verrückt.“ Aber dann höre sie auch oft: „Meine Kinder lieben Ihr Buch.“ Eine schöne Abwechslung zu: „Meine Frau liebt Ihr Buch.“

Von Lars von Törne