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Die Comic-Grenzüberschreiter

Die Balance zwischen Auftragsarbeiten für große US-Verlage und eigenen Independent-Projekten prägt bei vielen kanadischen Comiczeichnerinnen und -zeichnern den Arbeitsalltag. Besonders erfolgreich ist damit Jeff Lemire. Er hat sich als Autor zahlreicher Superhelden-Serien für Verlage wie DC und Marvel profiliert – und parallel eigene Erzählungen geschaffen, die er meist auch selbst zeichnet, von seinem Frühwerk „Essex County“, das bei Edition 52 auf Deutsch vorliegt, bis zu der Graphic Novel „Frogcatchers“, die er im vergangenen Jahr veröffentlicht hat.

Bei vielen Künstlern wie Lemire ist es allerdings nicht nur materiellen Zwängen geschuldet, dass sie neben ihren persönlichen Geschichten immer wieder auch mit eingeführten Serienfiguren der großen US-Konzerne arbeiten. „Ich fühle mich diesen Figuren sehr verbunden“, sagt Jeff Lemire dazu. „Ich war nie wirklich ein Snob in Sachen Comics.“ Er sei nie jemand gewesen, der nur autobiografische Indie-Comics oder Superhelden-Comics mochte. „Ich habe einfach gefühlt: Gute Comics sind gute Comics, das Genre ist egal“, sagt er.

Im Fall von Lemire hat das dazu geführt, dass er in den vergangenen Jahren die Einflüsse der klassischen Superhelden-Comics mit denen seiner eigenen, teilweise autobiografisch geprägten Geschichten zu etwas ganz Neuem verschmolzen hat: Der Superhelden-Serie „Black Hammer“, in der sich beide Comic-Traditionen finden lassen. Die erscheint aktuell auf Deutsch bei Splitter, ebenso wie Lemires neue Science-Fiction-Fantasy Serie „Ascender“. Wenn man „nur Superhelden-Geschichten macht, in denen die Hauptfiguren auf andere Figuren einprügeln, wäre das für mich als Autor uninteressant“, sagt Lemire. „Ich muss die Figuren auseinandernehmen, die emotionale Verbindung für mich finden und dann den Superheldenkram um die Emotionen und die innere Landschaft des Charakters aufbauen.“

Ein weiterer Kanadier, der zwischen Independent und Mainstream pendelt, ist Michel Cho. Er hat sich unter anderem als Titelbildzeichner diverser Superhelden-Hefte sowie als Verfasser und Zeichner von Comics mit Batman, Superman und anderen bekannten Figuren einen Namen gemacht. Zugleich hat er anspruchsvolle eigene Comicerzählungen geschaffen wie die Graphic Novel „Shoplifter“, die auch ins Deutsche übertragen wurde. Cho erzählt darin die Geschichte von Corrina, einer Endzwanzigerin, die in einer Werbeagentur arbeitet und mit ihrem Leben nicht viel anzufangen weiß.

Das ist autobiografisch geprägt, sagt Cho, der sich vor allem als Illustrator für das „Wall Street Journal“, die „Washington Post“ und Buchverlage einen Namen gemacht hat. Daneben hat Cho, der als Sechsjähriger mit seiner Familie aus Korea nach Kanada zog, immer wieder kurze Comics in Anthologien, im Internet oder im Eigenverlag veröffentlicht und die Detektivserie „Max Finder Mystery“ für Kinder illustriert.

„Mein Herz gehört dem Schreiben und Zeichnen von Indie-Comics“, sagt Cho. „Aber meine Jugendliebe sind eben Superheldencomics.“ Mit seiner Begeisterung für Mainstream- und Independent-Comics zugleich sei er lange „ein komischer Vogel“ in seinem Freundeskreis gewesen. Vor allem in seiner Jugend seien das zwei „getrennte Lager“ gewesen. Seit sich aber auch viele andere Zeichnerinnen und Zeichner und Autorinnen und Autoren gerade aus Kanada an dieser Schnittstelle etabliert haben, könne er beiden Leidenschaften frönen, ohne dass sich jemand daran stößt.

Diese Offenheit ist inzwischen weit verbreitet in der kanadischen Comicszene. Der in Toronto lebende „Superman“-Zeichner Stuart Immonen und seine als Superhelden-Autorin erfolgreiche Frau Kathryn veröffentlichen ebenfalls immer wieder eigene Erzählungen, die vom europäischen Kunstcomic beeinflusst sind. Und Cameron Stewart wird als Zeichner von „Batwoman“ wie auch als Schöpfer eigener Erzählungen wie „Sin Titulo“ gefeiert.

Von Lars von Törne