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„Das war wie eine Explosion“

© Alain François

Nina Bunjevac über ihr neues Buch „Bezimena“, die Verarbeitung von Missbrauchserfahrungen und die befreiende Wirkung von #MeToo

In ihrer Graphic Novel „Vaterland“ hat Nina Bunjevac vor fünf Jahren ein Familientrauma aufgearbeitet. Das Buch handelte von ihrem Vater Peter, der serbischer Nationalist war, sich in Kanada einer terroristischen Organisation angeschlossen hatte und dort 1977 bei einem Unfall mit einer selbstgebauten Bombe ums Leben kam. In ihrem neuen Buch „Bezimena“, das in diesem Jahr auf Deutsch erscheint, greift Bunjevac ein weiteres persönliches Thema auf: sexuelle Gewalt. Das Buch erzählt eine fiktive Geschichte, das Thema hat aber auch das Leben von Nina Bunjevac geprägt, wie sie im Nachwort zu „Bezimena“ schreibt. Lars von Törne hat sie in ihrer Wohnung in Ost-Toronto zum Interview getroffen.

Nina, kürzlich ist in den USA der ehemalige Filmproduzent Harvey Weinstein wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung verurteilt worden. Die Vorwürfe gegen ihn waren vor gut zwei Jahren einer der Auslöser für die #MeToo-Bewegung, die dazu geführt hat, dass das Thema sexueller Missbrauch in der Öffentlichkeit stärker als lange zuvor diskutiert wird. In deinem jüngsten Buch „Bezimena“ geht es ebenfalls um sexuelle Gewalt. Der Entstehungsprozess des Buches verlief zeitlich parallel zum Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Weinstein. Am Schluss plädierst du in deinem Nachwort für einen offensiveren Umgang mit diesem Thema. Wieweit wurde deine Arbeit von der #MeToo-Debatte beeinflusst?

Ich saß gerade an den letzten 20 Seiten von „Bezimena“, als die #MeToo-Bewegung begann. Es war ein absoluter Zufall, dass ich mich auch mit diesem Thema beschäftigte.

Wie kam es dazu?

Ich arbeite sehr intuitiv, ich habe keine festgelegte Geschichte, wenn ich ein Projekt beginne. Manchmal sind da zuerst Worte, manchmal Bilder. Manchmal fange ich irgendwo in der Mitte an, manchmal am Schluss. Ich springe ständig zwischen den verschiedenen Teilen eines Projekts hin und her, ergänze hier und da etwas, füge Seiten hinzu. Wenn ich an einem Buch arbeite, sieht es alle drei Monate völlig anders aus. Das Nachwort zu meinem Buch schrieb ich erst, nachdem die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein bekannt geworden waren. Ich war dabei, das Buch zu beenden, als die #MeToo-Debatte aufkam. Und ich erinnerte mich an persönliche Erfahrungen von sexueller Gewalt in jüngeren Jahren. Erst da wurde mir so richtig bewusst, wie schlimm diese Erfahrungen waren. Kurz darauf schrieb ich das Nachwort – das war der entscheidende Punkt, in dem das Buch erst zu dem wurde, was es jetzt ist. Ohne dieses Nachwort wäre es eine ganz andere Geschichte geworden.

Und auch ohne die #MeToo-Debatte wäre es offenbar ein anderes Buch geworden …

Ja, definitiv, das war wie eine Explosion. Ich habe nie zuvor so viele Menschen so offen über das Thema sprechen sehen, mit so viel Wut. Das hat auch bei mir viele Gedanken ausgelöst. Besonders befremdlich war es dann kurz nach der Veröffentlichung mein Buch im Herbst 2018 in Serbien vorzustellen.

Deine alte Heimat, in der auch eine der von dir im Nachwort geschilderten traumatischen Erfahrungen mit sexueller Gewalt und einer versuchten Vergewaltigung angesiedelt ist …

Ja. Besonders eigenartig waren die Umstände einer Buchpräsentation im französischen Kulturinstitut in Belgrad. Es gab eine Ausstellung mit Arbeiten von weiblichen Comiczeichnerinnen. Bei der Eröffnung saß auch eine Frau auf dem Podium, die Opfer sexueller Gewalt vertritt, um mit mir über das Thema zu sprechen. Das war genau das, was ich wollte. Aber die serbische Vereinigung der Comiczeichner, die größtenteils aus Männern besteht, boykottierte die Veranstaltung. Einige von denen beschuldigten mich, dass ich Feministinnen erlaubte, mein Buch für ihre Zwecke zu benutzen.

Unglaublich.

Ja – und darunter waren auch viele Zeichner, die ich bis dahin sehr respektiert hatte. Ich hätte mir so gewünscht, dass sie zu der Veranstaltung gekommen wären, um die Statistiken gezeigt zu bekommen und zu erfahren, wie normal sexuelle Gewalt gegenüber Frauen in Serbien geworden ist, insbesondere nach dem Krieg. Aber die Leute verschließen die Augen vor der Wahrheit.

Du hast offenbar ein sehr relevantes Thema aufgebracht.

Ja. Viele Leute, die mein Buch gelesen oder davon gehört haben, erzählten mir daraufhin ihre Geschichten von sexueller Gewalt. Da gibt es so viel unterdrückte Vorkommnisse, so viele Fälle, die nie bekannt werden.

In Deinem Buch behandelst du das Thema sexuelle Gewalt auf ungewöhnliche Weise: Du nimmst uns als Leser mit in den Kopf des Täters. Wieso hast du diese Perspektive gewählt, und nicht die der Opfer?

Am Anfang hatte ich den Rohbau einer Geschichte, die ich erzählen wollte. Sie war inspiriert von einer Zen-Erzählung des britisch-amerikanischen Philosophen Alan Watts, die ich mal gehört hatte, ohne sie wirklich ganz zu verstehen. Sie handelt von einem Mann, der zu einem Weisen geht, einem Guru. Er beschwert sich bei dem Weisen über sein Leid – und der Guru taucht den Kopf des Mannes lange unter Wasser. Ohne zu viel zu verraten: Mir war klar, dass ich in meiner Geschichte ein Element der Wiedergeburt haben wollte. Ich wollte eine erotische Geschichte erzählen, die herausfordernd ist, sexuelle Phantasien und Vergewaltigungsszenen enthält. Das waren die Zutaten, mit denen ich zu arbeiten begann. Dann bekam ich Alpträume, hatte immer mehr Bilder im Kopf, und merkte, dass die Geschichte doch persönlicher ist als anfangs gedacht. Zugleich wollte ich etwas wie in Jean Cocteaus Orpheus-Trilogie erzählen, also eine surrealistische Geschichte, die man auf verschiedene Weise deuten kann. So kann jeder aus „Bezimena“ etwas Anderes herauslesen. In gewisser Weise ist mein Buch auch etwas rätselhaft – und mein Jung’scher Analytiker hat mir dabei geholfen, die Geschichte zu verstehen.

Es ist eine verwirrende Leseerfahrung. „Bezimena“ ist einerseits ein sehr erotisches Buch, andererseits ist es voller Ambivalenzen. Man wird als Leser quasi zum Voyeur und sieht die Welt durch die Augen eines Vergewaltigers, seine Opfer bleiben hingegen merkwürdig passiv. Das erinnert in gewisser Hinsicht an dein voriges Buch, „Vaterland“, in dem du die Welt aus der Sicht deines Vaters betrachtest, der als Terrorist bei einer Bombenexplosion ums Leben kam. Steht dahinter in beiden Fällen vielleicht das Bedürfnis, Menschen besser zu verstehen, die schreckliche Dinge getan und dich traumatisiert haben?

Ja, ich wollte das besser verstehen. Das ist für mich eine der großen Herausforderungen im Leben: Mich in andere Menschen hineinzudenken, insbesondere dann, wenn sie eine andere Meinung vertreten oder etwas Schlimmes getan haben. Ich habe viel von Colin Wilson gelesen, der sich mit sexuellen Perversionen und ähnlichen Themen beschäftigt hat. Ähnlich wie der Wiener Psychologe Viktor Frankel, hebt er hervor, dass es oft auf ein existenzielles Vakuum zurückzuführen ist, wenn Menschen anderen Menschen grausame Dinge wie sexuelle Gewalt antun. Häufig steht dahinter, dass den Tätern ihr Leben leer und ohne bedeutsame Inhalte erscheint. Hinzu kommen die Komponenten Langeweile, fehlendes Verständnis für die Folgen des eigenen Handelns sowie Egoismus. Mein Analytiker sagte mir, vielleicht ist dies mein Versuch, mein Schatten-Ich zu erforschen. Dabei geht es auch um die Frage, wie Opfer von sexueller Gewalt derartige Erlebnisse verarbeiten, mit welchen Mechanismen sie versuchen, damit fertig zu werden. Und wie einem bestimmte Dinge erneut wiederfahren können, wenn man beim ersten Mal nicht die richtigen Lehren daraus zieht – so, wie es bei mir der Fall war und wie ich es im Nachwort zu meinem Buch beschreibe.

Neben der Geschichte beeindruckt dein Buch auch durch die handwerkliche Perfektion der Zeichnungen, die enorm detailliert sind. Die tiefen Schwarzflächen und vor allem die Kreuzschraffuren sehen aus, als ob die Arbeit an jedem einzelnen Bild viele Stunden in Anspruch genommen hat. Wieso wählst du einen so aufwändigen Prozess?

Für dieses Buch war es mir wichtig einen Noir-Look zu schaffen. Daher gibt es mehr Schwarzflächen und dunkle Bereiche als sonst. Ich habe mich von Orten inspirieren lassen, die ich bereist habe. Und unter anderem Fotos von Montenegro, Belgrad oder Lucca in Italien als Referenzen benutzt. Während ich zeichne, weiß ich meistens nur, was auf den nächsten zehn Bildern passiert, mehr nicht. Ich höre Vorlesungen und Audiobooks, die mich zusätzlich inspirieren. Es ist ein sehr intuitiver Prozess.

Ist das lange Verweilen beim Zeichnen eines Bildes eine Art meditativer Prozess?

Ja, ich denke schon. Und ich liebe einfach den Effekt von Kreuzschraffur-Bildern, die viele Details vermitteln. Ich will Bilder schaffen, die man lange betrachten und dabei viele Einzelheiten entdecken kann, die man auf den ersten Blick nicht gesehen hat. Also hier eine Person, die schemenhaft im Fenster zu erkennen ist, hier eine Laterne, hier ein paar architektonische Details.

Bei „Bezimena“ wie bei „Vaterland“ gibt es viele Motive, die Du bereits früher in Kurzgeschichten verarbeitet hast. Viele davon sind im Buch „Heartless“ zu finden, einer Sammlung von mitunter sehr verstörenden, offensichtlich autobiografisch inspirierten Erzählungen.

Ja, die waren verstörend, nichtwahr? Aber deswegen habe ich sie ja auch mit viel Humor angereichert. „Heartless“ war quasi die Synopsis für meine folgenden Bücher.

Du hast nach der Fertigstellung von „Bezimena“ in den vergangenen Monaten an einem Tarot-Set gearbeitet, wie man auf deinem Instagram-Kanal verfolgen konnte. Was reizt dich an Tarot-Karten?

Ich interessiere mich seit Jahren für Tarot und besitze mein eigenes Kartenset. Vor etwa acht Jahren begann ich, mich mit esoterischer Philosophie zu beschäftigen. Ich las viel und lernte, dass Tarot wie Alchemie ist. Es geht nicht um Magie, sondern um die symbolische, archetypische Repräsentation unseres Unterbewusstseins. Und um Symbole – ein Thema, das mich ebenfalls sehr interessiert. In der Traumanalyse nach C.G. Jung gibt es bestimmte archetypische Symbole, die für Dinge tief in uns stehen. Es gibt sehr persönliche Symbole, die unsere Erfahrungen versinnbildlichen. So ist es auch bei Tarot und bei Alchemie. Das fasziniert mich sehr, auch im Hinblick auf die Jung’sche Anwendung von Methoden wie Kreativer Imagination oder Traumarbeit. Für mich ist die Jung’sche Analyse eine praktische Anwendung überlieferten Wissens. Dabei geht es darum, sich seiner Selbst bewusster zu werden. Ich versuche, das Okkulte loszulösen von schwarzer, zeremonieller Magie, es zu befreien und dahin zu führen, wo es für mich hingehört: in die Philosophie.

Auf Instagram konnte man verfolgen, wie du gut ein Jahr an Details der Karten gearbeitet hast – ein aufwendiger Prozess.

Ja, ich habe damit angefangen, als ich für ein Jahr in Frankreich gelebt und als Gastkünstlerin in Angoulême gearbeitet habe. Ich habe mich dort eingehend mit dem Marseille-Tarot-Set beschäftigt. In diesen Bildern gibt es sehr viele Bezüge zu Orten und historischen Ereignissen in Frankreich. Ich sah an vielen Gebäuden okkulte Symbole. Frankreich hat zudem eine sehr starke Tradition in der Entwicklung von Tarot-Sets. Es gab sogar mal eine Gruppe von Surrealisten, die ein eigenes Tarot-Set erschaffen haben. Einige Künstler der französischen Comic-Underground-Szene haben ebenfalls ihre Interpretationen dieses Teils der französischen künstlerischen Identität erarbeitet. Das brachte mich dazu, mein eigenes Kartenset zu kreieren. Es erscheint in diesem Jahr als Siebdruck-Edition bei Strane Edizione.

Du hast ja neben deinen Arbeiten als Comickünstlerin immer wieder auch andere Kunstformen ausprobiert.

Die Grenze zwischen Comics im traditionellen Sinn und anderen Kunstformen löst sich zunehmend auf. Ich liebe es, die Kunstform Comic zu erkunden, aber im Kern sind es eben nur Bilder und Texte, die sequenziell gelesen werden – oder auch mal Bilder ohne Worte. Tarot-Karten sind eigentlich auch nichts anderes als sequenzielle Kunst.

Das Interview führte Lars von Törne.