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„Dafür gebe ich meine Steuergelder gerne“

© Lars von Törne

Die Chefs der Verlages Drawn & Quarterly über aktuelle Entwicklungen im kanadischen Comic, die Rolle der USA und staatliche Kulturförderung

Es begann vor 30 Jahren als Anthologie-Magazin für anspruchsvolle Comics, inzwischen ist Drawn & Quarterly einer der wichtigsten nordamerikanischen Verlage für Autorencomics. Hier erscheinen die Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Kate Beaton, Guy Delisle, Chester Brown, Seth, Daniel Clowes und Joe Sacco – außerdem die in Kanada wie in Deutschland sehr populären Mumin-Comics von Tove Jansson. Aus Deutschland finden sich unter anderem die Werke von Anna Haifisch und Aisha Franz im Verlagsprogramm. Nachdem sich der Gründer des auf englischsprachige Veröffentlichungen spezialisierten Montréaler Unternehmens, Chris Oliveros, 2015 aus der Verlagsleitung zurückzog, werden die Geschäfte heute von Peggy Burns (Verlagsleitung) und Tom Devlin (Chefredakteur) geführt, die auch privat ein Paar sind. Wir haben sie in ihrem Büro zum Interview getroffen.

Was sind aus eurer Sicht derzeit die interessantesten Entwicklungen im kanadischen Comic?

Peggy: Für mich ist es die Vielfalt der Stimmen, die zunehmend nicht nur aus Toronto und Montréal kommen. Beispielsweise Kate Beaton aus Nova Scotia, die nach „Hark! A Vagrant“ jetzt ihre Erlebnisse in den Teersandminen in der westlichen Prärieprovinz Alberta als Graphic Novel verarbeitet. Oder Jessica Campbell, die ein Buch über ihre religiös geprägte Jugend auf Vancouver Island macht. Und es gibt viele weitere Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichsten Teilen des Landes …

Tom: Silvia Nickerson aus Hamilton zum Beispiel. Die war für uns eine überraschende Entdeckung, die scheinbar aus dem Nichts kam. Sie schickte uns einen Vorschlag für ein Buch, ich kannte vorher nichts von ihr. Ihre Comics sind visuell untypisch. Aber als ich mich in ihr Werk eingelesen habe, war klar: Hier ist jemand mit einem wachen, schnellen Verstand, die sehr interessante Dinge zu erzählen hat. Generell gibt es viel mehr weibliche Stimmen. Nicht mehr wie früher, als die „Toronto Three“ – Seth, Chester Brown und Joe Matt – und dazu Julie Doucet und Michel Rabagliati aus Montréal alles dominierten. Künstlerinnen wie Jillian Tamaki haben sich erfolgreich einen Namen gemacht und erfreuen sich sehr großer Beliebtheit.

Peggy: Oder Aminder Dhaliwal, die in einem Vorort von Toronto lebt, uns eines Tages ein Buchprojekt vorschlug und sagte, sie möchte es bei Drawn & Quarterly veröffentlichen. Wir haben es uns angeschaut und gemerkt: Verdammt, das ist großartig. Ihr Buch „Woman World“ war 2018 nach den Bestsellern „Sabrina“ und „Berlin“ unser drittmeist verkauftes Buch.

Tom: Das ist wahrscheinlich ein weltweites Phänomen: Das es immer mehr Leute gibt, die ihre eigene Stimme entwickeln und dann schauen, welcher Verlag zu ihnen passt.

Peggy: Und es gibt auch heute noch viele tolle Leute, die übersehen oder nicht ausreichend gewürdigt werden. Isabelle Arsenault und Elise Gravel zum Beispiel. Sie machen beide illustrierte Bücher und Comics für Kinder und junge Leserinnen und Leser, sind sehr populär in Québec – aber wurden nie für einen Doug-Wright-Award, die wichtigste Auszeichnung für kanadische Autorencomics – nominiert. Diese Dinge sind immer noch sehr auf Toronto zentriert.

Wenn ihr auf 30 Jahre Verlagsgeschichte zurückschaut, welches waren die größten Erfolge von Drawn & Quarterly?

Peggy: Wir haben ja eine enorm große Bandbreite von Autorinnen und Autoren. Die kommerziell erfolgreichsten Veröffentlichungen waren die Mumin-Bücher, Adrian Tomine, Lynda Barry, Kate Beaton, Seth sowie Chester Browns Bücher. Seine Comicbiografie „Louis Riel“, die erstmals 2003 veröffentlicht wurde, ist in unseren Läden immer noch das bestverkaufte Buch.

Wieso das?

Peggy: Louis Riel war einfach ein kanadischer Volksheld. Und er spricht viele Québecer an, weil er gegen die Engländer kämpfte.

Tom: Es ist einfach ein Teil der kanadischen Geschichte, den hier jeder in der Schule gelernt hat. Und Chester hat daraus eine lustige, zugängliche, interessante Biografie gemacht.

Welche aktuellen Comics aus Kanada, die noch nicht auf Deutsch veröffentlicht wurden, würdet ihr deutschsprachigen Leserinnen und Lesern empfehlen?

Peggy: Auf jeden Fall die „Wendy“-Bücher von Walter Scott, das nächste erscheint im Juni. Es gibt keinen Grund, wieso diese Bücher nicht auch in Deutschland Leserinnen und Leser ansprechen sollten. Es ist eine universelle Geschichte einer Mittzwanzigerin, die in einer Kleinstadt an ihrem Kunsthochschulabschluss arbeitet und sich auf sehr witzige Weise mit der Kunst- und Kulturszene auseinandersetzt.

Tom: Die Reaktion von Menschen, die zum ersten Mal die „Wendy“-Bücher in die Hand bekommen, ist normalerweise: Um Himmels Willen, ich kann kaum glauben, wie klug und urkomisch diese Geschichten sind.

Ihr seid ein kanadischer Verlag, der aber in einem Markt agiert, in dem die USA als dominanter Nachbar sehr präsent sind. Wieweit ist das ein Segen fürs Geschäft und wieweit ist es ein Problem?

Peggy: Wir sind im Vergleich zu anderen kanadischen Verlagen ein ungewöhnlicher Fall, weil unser Hauptmarkt der US-Markt ist. Das liegt daran, dass der Comicmarkt immer schon ein US-Markt war, geprägt von Diamond Comics, dem in den USA sitzenden Haupt-Großhändler, der die Einzelhändler in Nordamerika und weltweit bedient. Der beherrscht den Markt seit jenen frühen Jahren, als Comics noch nicht in Buchläden, sondern nur in Comicgeschäften zu bekommen waren. Dass wir zu großen Teilen für den US-Markt produzieren, gibt uns eine gewisse Sicherheit, denn unser Markt ist dadurch sehr stabil.

Tom: Und wir profitieren von der Stärke des US-Dollar.

Peggy: Es ist auch besser für die Autorinnen und Autoren, denn die sehen den Markt als zusammengehörig an. Wenn sie bei uns sind, haben sie einen Verleger, einen Redakteur, einen Öffentlichkeitsarbeiter für den kanadischen und den US-Markt, sie müssen nicht mit zwei Verlagen arbeiten, wie das in vielen anderen Bereichen der Fall ist.

Tom: Die meisten kanadischen Verlage haben nur die Rechte, ihre Bücher in Kanada zu vertreiben. Und die US-Rechte verkaufen sie an US-Verlage. Da Drawn & Quarterly seine Publikationen am Anfang nicht über die normalen Buchgroßhandelswege vertrieben hat, sondern über die Comic-Kanäle, waren wir von Anfang an anders strukturiert und haben uns in den USA als eigenständiger Verlag neben Fantagraphics etabliert, der bereits noch etwas länger als wir existiert.

Peggy: Und was auch wichtig ist: Es ist ja nicht nur so, dass viele kanadische Zeichnerinnen und Zeichner ihre Werke bei uns verlegen wollen. Sondern skurriler Weise wollen auch viele US-Künstlerinnen und Künstler bei Drawn & Quarterly erscheinen. Ich glaube, wir sind der einzige kanadische Verlag, der aktiv von US-Autorinnen und Autoren angesprochen wird – von Adrian Tomine über Lynda Barry und zuletzt unter anderem Nick Drnaso mit „Sabrina“, weil sie finden, dass wir ihnen ein besseres Gesamtpaket als ein Verlag aus den USA anbieten.

Was sind eure Kriterien, nach denen Ihr Künstlerinnen und Künstler für eine Veröffentlichung auswählt?

Peggy: Sie sollten vor allem eine klare Vision haben, eine Vorstellung von dem, was sie wollen. Und sie sollten eine ausgeprägte Beherrschung ihrer Fähigkeiten mitbringen.

Tom: Ich nutze in diesem Zusammenhang oft das Wort „eigensinnig“. Ich möchte überrascht werden, in grafischer Hinsicht sowie durch die Geschichte. Ich will etwas sehen, das ich nicht erwartet hatte. Es muss mehr sein als nur ein starkes Stück Kunst. So wie bei Silvia Nickerson, bei der ich mich gefragt habe: Wow, wo kommt das denn her?

Peggy: Wir suchen nicht immer nach demselben Buch, nach Künstlerinnen und Künstlern, deren Arbeit so aussieht wie Bücher, die wir schon haben, sondern nach neuen Sachen. Das ist bei Mainstream-Verlagen vor allem im Literaturbereich anders: Wenn sie einen Erfolgstitel hatten, wollen sie einen Nachfolger, der im Prinzip genauso ist. Das ist bei uns ganz anders, wir wollen unsere Erfolge nicht wiederholen.

Wie wichtig ist das kanadische Kulturfördersystem für Verlage?

Peggy: Es ist auf jeden Fall ein wichtiger Faktor, der unsere einflussreiche Rolle erklärt. Gerade in den ersten Jahren hat das Fördersystem Chris Oliveros als Verlagsgründer die nötige Stabilität gegeben, um sich zu entwickeln und nach der ersten Phase eine professionellere Ebene zu erreichen und seine Titel in Buchläden überall in Nordamerika zu platzieren. Inzwischen macht das nur noch etwa fünf Prozent unserer Kalkulation aus. Womit wir in Kanada ziemlich untypisch sind, da die meisten anderen Verlage viel stärker von Fördergeldern abhängen und gerade kleinere Unternehmen ohne sie vielleicht gar nicht existieren würden. Wir beide stammen ja ursprünglich aus den USA und sind erst in den vergangenen Jahren kanadische Staatsbürger geworden. Und ich finde, das ist genau der Zweck, für den ich meine kanadischen Steuergelder gerne ausgegeben sehe.

Kanada ist in kultureller Hinsicht ein geteiltes Land, es gibt nur wenig Austausch zwischen den britisch und französisch geprägten Landesteilen. Wie sieht dies bei den Comics aus – gibt es Comics, die kanadaweit erfolgreich sind?

Peggy: Ja, Chester Browns „Louis Riel“ ist ein Bestseller in der englischen Ausgabe, die bei uns erscheint, wie auch in der französischen Ausgabe, veröffentlich von La Pastèque.

Tom: Und Julie Doucet wird ebenfalls von Leserinnen und Lesern in beiden Sprachen geliebt.

Peggy: Guy Delisle ebenso. Dessen Bücher wurden ja anfangs vom französischen Verlag L’Association verlegt. Er sagte mal zu uns im Scherz: Er wurde in Québec erst richtig bekannt, seitdem Drawn & Quarterly seine Bücher hier veröffentlicht.

Tom: Es ist schon merkwürdig, dass es diese Trennung gibt. Andererseits ist das ja zwischen anderen Ländern, die unterschiedliche Kulturen und Sprachen haben, auch nicht anders. Ein Buch, das in dem einen Land funktioniert, kommt im anderen vielleicht gar nicht an. Sei es, weil der Humor anders ist, weil das Thema weniger interessiert oder weil der Stil die Leute weniger anspricht. Und dann gibt es bestimmte Länder, deren Werke international besser funktionieren als andere. Japanische Comics zum Beispiel sind im englischsprachigen Markt in Nordamerika sehr erfolgreich und kommen hier viel besser an als viele Comics aus Frankreich.

Das Interview führte Lars von Toerne.

Drawn & Quarterly