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Comics von Welt

© Lars von Törne

Comics von Welt

Das Toronto Comic Arts Festival ist eine nordamerikanische Institution. Im Interview erzählen die TCAF-Macher, wie sich ihr Festival und die kanadische Szene zu dem entwickelt haben, was sie heute sind

Das „Toronto Comics Arts Festival“ (TCAF) begann 2003 als kleines alternatives Comicfestival im Gemeinderaum einer Kirche in der Nähe des Comicladens „The Beguiling“. Seitdem hat es sich zu einem der wichtigsten Festivals für unabhängige Comics in Nordamerika entwickelt und ist ein Forum für Künstler, Verleger und Leser aus aller Welt. Im Gruppengespräch erzählen Miles Baker (TCAF-Geschäftsführer), Peter Birkemoe (TCAF-Mitgründer und Besitzer von „The Beguiling“), Christopher Butcher (TCAF-Mitgründer und künstlerischer Leiter) sowie Andrew Woodrow-Butcher (Programmkoordinator) von der Entwicklung ihres Festivals und der kanadischen Comicszene.

Inwiefern spiegelt die Entwicklung Eures Festivals eine wachsende Anerkennung für eine bestimmte Art Comics in Kanada wieder – und die zunehmende Bedeutung kanadischer Comics im Ausland?

Peter: Ich glaube, ich muss auf zwei Aspekte der Frage eingehen: zunächst mal die Vorstellung einer „bestimmten Art Comics“. Genau diese, also literarische und künstlerische Comics, wurden im Laden „The Beguiling“ verkauft. Aber beim TCAF ging es ausdrücklich um viele Arten von Comics, zwar ausschließlich solche, deren Figuren den Künstlerinnen und Künstlern und nicht etwa einem großen Verlag oder einem Konzern gehören, aber in einer Vielzahl von Genres, Stilen, Formaten und für die unterschiedlichsten Lesergruppen, auf jeden Fall anders als die Art von Comics, die man auf den meisten Comic-Conventions findet …

Andrew: Man muss auch die Veränderungen im Bereich der Comics und Graphic Novels ansprechen, die die Entwicklung des TCAFs begleiteten. Es fand sich eine neue Leserschaft und Arbeiten sowie Zeichnerinnen und Zeichner wurden gewürdigt, die nicht dem traditionellen Bild „Weißer Mann zeichnet Comics“ entsprachen. All das fand eine Heimat beim TCAF.

Peter: Um noch mal auf die kanadische Comicszene zu kommen: Vor dem TCAF und all den Dingen, von denen wir reden, waren kanadische Comics Seth, Chester Brown und Julie Doucet – alle international hoch angesehen, aber natürlich nur ein klitzekleiner Teil der Veröffentlichungen.

Miles: Ich würde sagen, die Bedeutung des TCAFs wächst weiterhin. Wir reisen jetzt seit acht Jahren ins Ausland, um kanadische Comics in unterschiedlichen Märkten zu bewerben, in England, Europa und Asien. Wenn wir in diesem Jahr wieder nach Deutschland kommen, erleben wir dort die Früchte unserer Arbeit, da immer mehr kanadische Autoren ins Deutsche, Französische oder Japanische übersetzt werden und in der ganzen Welt erscheinen.

Wer an nordamerikanische Comicfestivals denkt, hat oft kommerzielle Comic-Cons im Kopf, Fan-Veranstaltungen und ähnliche Events, die sich um Filme, Serien und Merchandise drehen, bei denen man in irgendeiner Ecke auch ein paar Comiczeichnerinnen und -zeichner findet. Inwieweit war das TCAF auch ein Versuch, diesem Konzept eine Alternative entgegenzusetzen – und wie sehr ist das TCAF Teil einer amerikanischen Bewegung von Festivals geworden, die vor allem die Künstlerinnen und Künstler in den Mittelpunkt stellen?

Christopher: Das war in vielerlei Hinsicht eine direkte Antwort auf diese Shows. Wir hatten nicht das Gefühl, dass solche Veranstaltungen, insbesondere kleinere, lokalere, die Künstlerinnen und Künstler und ihre Arbeiten besonders würdigten. Da ging es mehr um den anderen Kram, den ganzen populären Nonsens aus anderen Medien. Ich glaube aber, dass wir uns irgendwann so weit in unserer Nische eingerichtet hatten, dass uns die anderen Veranstaltungen mehr und mehr egal waren. Peter und ich haben uns immer gefragt: „Wer macht zurzeit die besten Comics und wie kriegen wir ihn oder sie zum TCAF?“ Wir waren niemals ausdrücklich eine Veranstaltung für Kleinverleger, es ist nur so, dass die interessantesten Arbeiten nun mal meist dort erscheinen.

Peter: Ich glaube, SPX und APE haben die „Kleinverleger-Comicfestivals“ in den USA veranstaltet. Wir haben es irgendwie hinbekommen, von Anfang an stärker auf ein größeres Publikum zu schielen. Ich habe mich fürs TCAF von europäischen Festivals inspirieren lassen, die sich sehr von amerikanischen Comic-Cons unterscheiden. Sie sind meistens für alle Besucher kostenlos und geben sich viel Mühe, ihr Publikum einzubeziehen. Sie veranstalten Ausstellungen, arbeiten mit internationalen Kultureinrichtungen zusammen – das ist einfach was völlig anderes.

Was sind die interessantesten Entwicklungen im kanadischen Comic seit eurem ersten Festival 2003?

Miles: Für mich ist die aufregendste Entwicklung die Vielzahl von Comics, die bei traditionellen Buchverlagen erscheinen. Kanadische Verlage wie Anansi/Groundwood, Arsenal Pulp Press, Portage & Main, McClelland & Stewart interessieren sich für kanadische Künstler, die kanadische Geschichten erzählen. Dadurch bekommen die Autorinnen und Autoren weit mehr Möglichkeiten, mehr Anerkennung und, ehrlich gesagt, die Verbreitung durch den Büchermarkt ist von enormer Bedeutung, um eine größere Öffentlichkeit in Kanada und weltweit zu erreichen.

Andrew: Für mich ist die auffälligste Veränderung die Zunahme von Kinder- und Jugendtiteln auf dem englischsprachigen Markt. Das hat die Comiclandschaft für die Leserschaft wie für die Verlage und die Künstlerinnen und Künstler verändert. „This One Summer“ (Ein Sommer am See) von Jillian und Mariko Tamaki ist das beste Beispiel für diese veränderten Gegebenheiten, wenn man die unglaublichen Verkaufszahlen, die Vielzahl von Preisen oder einfach nur die außerordentliche Qualität dieses Titels betrachtet.

Peter: Seit 2003 ist die Vielfalt der Stilformen geradezu explodiert. Jemand bringt einen neuen Titel mit einem starken, ungewöhnlichen persönlichen Stil heraus, wie Bryan Lee O'Malley mit „Scott Pilgrim“ oder Emily Carrolls Webcomics, und das wiederum beeinflusst die ganze Branche.

Seit 2003 hat die Zahl bemerkenswerter Comickünstlerinnen und -künstler aus Kanada in erstaunlicher Form zugenommen. Damals gab es vielleicht eine Handvoll Zeichnerinnen und Zeichner, die einem Publikum außerhalb von Kanada bekannt waren, während heute Dutzende kanadische Comicschaffende in Deutschland und vielen anderen Ländern verlegt und gelesen werden. Wie erklärt ihr diese Zunahme an kanadischen Talenten?

Andrew: Kanada teilt kulturell vieles mit den Vereinigten Staaten, aber bei uns ist das soziale Sicherheitsnetz stärker ausgeprägt, wir haben eine allgemeine Gesundheitsversorgung und es ist leichter, hier Karriere zu machen als in den USA. In der Zeit seit dem Start des TCAFs 2003 haben auch die meisten Kulturgremien auf Stadt-, Provinz oder Bundesebene Comics anerkannt und mit Fördergeldern ausgestattet, ein wichtiger Aspekt, wenn es darum geht, ein Projekt abzuschließen oder einfach nur vom künstlerischen Schaffen zu überleben. Die Stadt Toronto ist in der Zeit ebenfalls geradezu explodiert – wir sind inzwischen größer als Chicago und der Ort hat sich sehr gewandelt. Das hat seine Vor- und Nachteile – die steigenden Kosten vertreiben Künstlerinnen und Künstler aus der Stadt, aber die Begeisterung für die Künste lässt fantastische Netzwerke für die Kunstschaffenden entstehen.

Miles: Ich würde einiges dem Internet zuschreiben, ein weiterer gewaltiger Mechanismus, der eine ganze Generation von Künstlerinnen und Künstlern unterstützt. Dort kann man Arbeiten online günstig veröffentlichen, mit Direktverkäufen von Heften und Merchandise-Artikeln Geld machen, generell mit Kunst seinen Lebensunterhalt verdienen oder zumindest erste Erfahrungen sammeln. Eine Vielzahl großartiger Zeichnerinnen und Zeichner ist durch Webcomics bekannt geworden, Faith Erin Hicks, Bryan Lee O'Malley und natürlich Kate Beaton, und das hat der kanadischen Comicszene zur Blüte verholfen.

Die englischsprachige kanadische Comicszene war immer stark verbunden mit dem großen Nachbarn im Süden. Wie sehr ist es ein Segen für kanadische Comicschaffende, so einen gewaltigen englischsprachigen Markt direkt vor der Tür zu haben – und wieweit ist das eine Herausforderung?

Miles: Amerika verbraucht eine Menge Sauerstoff in Kanada. Wir reden viel über Amerika, denken viel darüber nach, sie sind halt unser verdammt schwer zu ignorierender Nachbar. Und immerzu machen sie etwas Interessantes. Für das TCAF war es großartig, so dicht dran zu sein. Es hat uns geholfen, einen der größten Märkte weltweit vor der Tür zu haben, aus dem so viele Künstlerinnen und Künstler gerne zu uns kommen. Die Balance ist nicht immer ganz einfach, weil über zwei Drittel der Bewerbungen für Ausstellungsraum von amerikanischen Leuten und Verlagen kommen. Aber wir müssen es hinkriegen, kanadische Comics und Comicschaffende zu promoten und dafür zu sorgen, dass „alle“ da sind. Dass das Festival zugänglich bleibt und alle teilhaben können. Zum Glück bringt Kanada so viele großartige Künstlerinnen und Künstler hervor, dass wir das meist ganz gut hinkriegen.

Christopher: Wenn es um Veranstaltungen geht, können wir in Kanada auf andere Mittel zurückgreifen und damit können wir gegen die USA und andere internationale Events bestehen. Womit ich nicht sagen will, dass es wirklich eine Konkurrenz gibt, wir betrachten die anderen Veranstaltungen nicht als Gegner. Wir versuchen, miteinander in Kontakt zu bleiben. Wir alle wollen doch schließlich nur das Beste für unser Publikum genauso wie für die Künstlerinnen und Künstler.

Seit etwa zehn Jahren gibt es einen Austausch zwischen dem TCAF und Deutschland, der vom Goethe-Institut unterstützt wird. Außerdem gibt es eine Zusammenarbeit mit dem Comic-Salon Erlangen. Diese hat unter anderem zu einem Stand deutschsprachiger Comics beim TCAF 2017 und einem kanadischen Pavillon beim Comic-Salon 2018 geführt und wird durch eine starke kanadische Präsenz beim Comic-Salon 2020 noch unterstrichen. Spiegelt das auch ein zunehmendes Interesse an europäischen und deutschen Comics in Kanada wieder?

Peter: Wir sind für die fortwährende Unterstützung des Goethe-Instituts sehr dankbar, aber es gibt natürlich selbst mit kultureller Hilfe Jahre, in denen schlicht keine neuen deutschen Graphic Novels auf Englisch erscheinen, die wir auf dem Festival präsentieren können. Ich denke, der Erfolg deutscher Arbeiten auf Englisch verdankt sich größtenteils der klugen Auswahl der nordamerikanischen Redakteure und Verlage nach dem Motto: „Von den vielen großartigen deutschen Büchern, die erscheinen, wird genau dieses eine auch in Kanada funktionieren.“ Ich denke, das muss man von Projekt zu Projekt sehen.

Christopher: Deutschland hat einen starken Comic-Markt und tolle Künstlerinnen und Künstler - und welcher amerikanische Verleger würde sich starke Arbeiten mit breitem Appeal wie von Barbara Yelin oder Reinhard Kleist nicht wünschen?

Andrew: Die Comiclandschaft ist anders als zu unseren Anfängen, aber ich denke die Comicszene weltweit ist auch mittlerweile stärker miteinander verbunden. Man kann internationalen Künstlerinnen und Künstlern auf Twitter folgen und unter jedem Tweet steht „Übersetzen“, falls man die Sprache nicht versteht. Und dankenswerterweise arbeiten die Verlage weiter daran, ihrer Leserschaft übersetzte Titel zu präsentieren!

Peter: Der Erfolg jedes einzelnen Buches, ob von kanadischen oder deutschen Comicschaffenden, öffnet Türen für Leserinnen und Leser wie für Verleger, weitere Arbeiten aus dem entsprechenden Land zu entdecken.

Das Interview führte Lars von Törne.

TCAF – Toronto Comic Arts Festival
Da das TCAF in diesem Jahr ebenfalls coronoabedingt ausfallen musste, hat das Festival ein Digital Showcase mit allen Ausstellern zum Download erstellt.