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„Comics können Aktivismus sein“

© Lars von Törne

Comicautor Cole Pauls ist Mitglied der Tahltan First Nation und hat mit „Dakwäkãda Warriors“ einen viel beachten Comic veröffentlicht, der die Geschichte der indigenen Bevölkerung Kanadas mit Science-Fiction-Motiven kombiniert. Ein Interview über seine Arbeit

Cole, es scheint, dass in Kanada indigene Künstlerinnen und Künstler, sei es in der Bildenden Kunst, Musik oder Literatur, in jüngerer Zeit stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden als dies früher der Fall war. Die Arbeiten von Schriftstellerinnen wie Cherie Dimaline, Musikerinnen wie Tanya Tagaq oder Malern wie Kent Monkman finden breite Anerkennung, weit über die Grenzen ihrer indigenen Gemeinschaften hinaus. Glaubst du, dass sich in der kanadischen Kultur gerade so etwas wie eine „indigene Renaissance“ vollzieht? Was sind die treibenden Kräfte hinter dieser Entwicklung und wie wird dieses Phänomen, wenn überhaupt, im Comicbereich beleuchtet?

Ich denke dieser Aufschwung zeitgenössischer indigener Kunst lässt sich mit der aktuellen politischen Stimmung und der Zugänglichkeit von Informationen, künstlerischen Gestaltungsmitteln und Plattformen zur Verbreitung erklären. Seit Jahrzehnten finden sich unzutreffende Darstellungen der First Nations in Erzählungen nicht-indigener Autorinnen und Autoren, und alle indigenen Leute, die ich kenne, sind diese Stereotypen wirklich leid. Seine eigene Geschichte zu erzählen, das eigene Bild zu entwerfen, verleiht einem Kraft und Macht – nicht nur im Comic, sondern in allen medialen Formen. Viele Leute haben mittlerweile ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie wichtig es ist, Geschichte(n) von Menschen zu hören, die über die eigenen Erfahrungen sprechen. Comics können Aktivismus sein.

Du bist vor allem als der Autor von „Dakwäkãda Warriors“ bekannt – einer Abenteuercomic-Serie, die zunächst im Selbstverlag erschienen und nun als Graphic Novel herausgekommen ist und die dir sehr viel Aufmerksamkeit und Anerkennung eingebracht hat. Du erzählst darin eine actionreiche Science-Fiction Geschichte, die von einem indigenen Volk handelt, das sich gegen fremde Invasoren verteidigen muss – da liegt ein Vergleich mit der Vergangenheit der nordamerikanischen First Nations recht nahe. Auch finden sich darin deutliche Bezüge auf indigene Kulturen aus dem Yukon, wo du aufgewachsen bist. Wie ist diese Serie entstanden?

„Dakwäkãda Warriors“ war eigentlich eine Illustration für einen Stoffbeutel, den ich für die Yukomicon 2015 entworfen habe – übrigens Yukons einzige Comic Convention. Während des Wochenendes habe ich sehr viel Zuspruch erhalten, Leuten gefiel das Erzählerische in meiner Zeichnung und ehe ich mich versah, hatte ich am Ende des Wochenendes die erste Folge der Serie fertig geschrieben. Die Idee hinter der ursprünglichen Auftragsarbeit von Yukomicon war es, „etwas gleichermaßen Yukon-Typisches wie auch ‚Nerdiges' zu gestalten“, und ich hab’s einfach mal versucht.

In deiner Arbeit vermischst du Englisch mit Southern Tutchone, der Sprache deiner Vorfahren – was hat dich dazu bewegt und wie reagiert deine Leserschaft darauf?

Ich habe Southern Tutchone vom Kindergartenalter an bis zur 11. Klasse in der St. Elias Community School in meiner Heimatstadt Haines Junction gelernt. Nach meinem Highschool-Abschluss besuchte ich die Kunsthochschule, zuerst die SOVA – Yukon School of Visual Art in Dawson City und danach die Emily Carr University of Art & Design in Vancouver, British Columbia. Nachdem ich einige Jahre nicht zuhause gelebt hatte, bekam ich Heimweh, fühlte mich irgendwie „entwurzelt“. Als ich mich daranmachte, die erste Ausgabe von „Dakwäkãda Warriors“ zu zeichnen, schien es mir wichtig, über meinen kulturellen Hintergrund und meine Zeichnungen hinaus, auch meine Sprache einzubringen. Ich habe dann meine ehemalige Grundschullehrerin Vivian Smith kontaktiert und sie gebeten einige Begriffe für mich zu übersetzen. Sie war einverstanden und schlug vor, eine weitere Person, Khâsha, für die Übersetzungen zu gewinnen. Mein heimatliches Umfeld hat die Arbeit an meinem Comic von Anfang an voll unterstützt.

Die Bildersprache mit der du arbeitest ist traditioneller First Nations Kunst und einer alten, an der Westküste verbreiteten Symbolik entlehnt. Neben ursprünglichen Tierfiguren findet sich auch eine spezielle Strichführung, die typisch für deine Heimatregion scheint. Inwiefern lädt das bildliche Erbe deiner Kultur dazu ein, Comics, ein ebenfalls sehr visuelles Medium, zu kreieren?

Traditionelle Southern Tutchone First Nation Kunst ist durch und durch symbolisch. All unsere Trommeln, Insignien, Schnitzereien und Lieder tragen eine tiefere Bedeutung in sich, veranschaulichen eine Geschichte. Auch wenn unsere Kultur in der Vergangenheit vor allem mündlich weitergegeben wurde und eine Schriftsprache nicht existierte, ist die Verwandtschaft mit dem Comic sehr naheliegend. Viele unserer Legenden sind moralisch motiviert, wollen eine Lehre vermitteln; diese Art des Erzählens kann sehr gut in Comics umgesetzt werden.

Deine Geschichte zeugt aber nicht nur vom Einfluss alter Traditionen indigener Völker, sondern verweist auch auf Action- und Science-Fiction-Erzählungen des amerikanischen Mainstreams der 1980er und 90er Jahre. Inwieweit ist dies auch ein Spiegel deines Aufwachsens zwischen verschiedenen Kulturen?

Ich bin ein Kind der 90er und damit groß geworden Sega Genesis zu spielen oder TMNT (Teenage Mutant Ninja Turtles) zu schauen. Die harten Winter im Yukon führen dazu, dass du als Kind viel Zeit im Haus verbringst, drinnen liest, etwas spielst oder zeichnest. Ich war aber auch Mitglied der lokalen Lieder- und Tanzgruppe, den Dakwäkãda Dancers, die Namensgeber für die Serie wurden. Ich bin also mit einer recht ausgewogenen Mischung aus modernem Leben und traditionellen Einflüssen aufgewachsen.

Es scheint, als hättest du für dieses Projekt sehr eng mit anderen Mitgliedern deiner Gemeinschaft zusammengearbeitet – einige von ihnen sind sogar in deinem Buch verewigt. Wie haben sie reagiert, als sie mitbekommen haben, dass du an einer Comicserie arbeitest, die sich mit eurem kulturellen Erbe und euren Bräuchen beschäftigt?

Die Gemeinschaft ist mir mit Freuden in jeder Phase des Projekts zur Seite gestanden. Die Fertigstellung des Comics war quasi eine Gemeinschaftsleistung! Mit jeder neuen Ausgabe haben sich Vivian und Khâsha ein Stück mehr eingebracht, mich weiter unterstützt. Als die Graphic Novel „Dakwäkãda Warriors“ rauskam, war der erste Termin meiner Lesereise in meiner Heimatstadt, und wir haben das Erscheinen mit einem gemeinsamen Festmahl im Dakú Cultural Centre begangen. Es waren mehr als 80 Leute beteiligt, ich habe über meine Arbeit gesprochen, mein Cousin ist aufgetreten und auch ich stand zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder gemeinsam mit den Dakwäkãda Dancers auf der Bühne. Es war etwas ganz Besonderes, diesen Erfolg zusammen mit meiner Familie und der ganzen Gemeinschaft zu feiern.

Im Eigenverlag bringst du auch andere Kurzcomics über deinen Alltag heraus, einer davon ist auf der gegenüberliegenden Seite zu sehen. Er zeigt eine Szene, die sich während deiner Zeit als Student an der Emily Carr University of Art & Design in Vancouver abgespielt hat, als du von einer Kommilitonin, die offensichtlich nicht um deine indigene Herkunft wusste, dafür angegriffen wurdest, kulturelle Symbole der First Nations zu verarbeiten. Inwieweit, denkst du, veranschaulicht dieser Vorfall die in Kanada fortlaufende Debatte über indigene Identität, die Darstellung indigener Kultur und ihre Vereinnahmung?

Die Sache ging von dieser „weißen“ Frau mit Dreadlocks aus, die sich als eine Kämpferin in Sachen sozialer Gerechtigkeit sah, letztlich war ihr Verhalten aber schlicht rassistisch. Die Vorstellung, dass es Ureinwohner mit heller Hautfarbe geben könnte, existierte in ihrer Welt nicht, ich passte nicht in ihr Bild eines „Indianers“, wirkte ihr nicht „indigen genug“. Was für ein Schwachsinn! Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie ignorant manche Menschen gegenüber indigenen Gruppen sind. Um dem ein Ende zu machen, sind für Kanada wie auch für den Rest der Welt Geschichten nötig, in denen wir uns selbst darstellen.

Ein anderes Zine, das du selbst herausgegeben hast, trägt den Namen „Indigeneity in Comics“ (Indigenität im Comic). Darin befinden sich auch zwei pädagogische Texte, die sich zum einen mit dem „Indianer“ in nicht-indigenen Comics, sowie zum anderen mit der indigenen Selbstdarstellung in Comics auseinandersetzen. Lass uns zunächst über Fremdbilder sprechen: Was waren in der Vergangenheit die vorherrschenden Narrative in Bezug auf autochthone Gruppierungen und welche Veränderungen lassen sich in jüngster Zeit beobachten?

In den Comics, auf die ich mich in diesem Zine beziehe, tragen indigene Menschen einen ledernen Lendenschurz, schmücken ihr Haar mit Federn und zeichnen sich durch Aberglauben und magische Fähigkeiten aus. Batman, Superman, die Avengers, sie alle tragen eine Schuld an dieser wirklich grob fehlerhaften Darstellung. Comics wie „Secret Path“, die in den vergangenen Jahren erschienen sind, bedeuten einen Schritt in die richtige Richtung. Eine Geschichte, erzählt von zwei nicht-indigenen Künstlern, die von einer wahren Begebenheit berichtet, von Rassismus, Assimilierung und Trauma, ohne in die gleiche Falle zu tappen.

Sind Bücher wie „Secret Path“ von Gord Downie und Jeff Lemire, die die Unterdrückung indigener Völker thematisieren und weithin in Schulen überall in Kanada gelesen werden, ein wertvoller Beitrag zum aktuellen kanadischen Diskurs über indigene Belange? Und sind solche Projekte auch kritisch zu beurteilen?

Comics sind ein „gut bekömmliches“ Medium sowohl im Bildungsbereich wie auch für Kinder. Auch wenn die Inhalte komplex und schwierig sind, haben Comics das Vermögen, die zu vermittelnden Themen einfach und zugänglich aufzubereiten. Daher ist der Einsatz von Comics zur Vermittlung von Geschichte im Unterricht absolut sinnvoll.

In den vergangenen zehn Jahren, haben sich immer mehr indigene Künstlerinnen und Künstler dem Medium Comic zugewandt. Welche würdest Du der Comicleserschaft vor allem ans Herz legen, und weshalb?

Als ich 14 war, fuhr ich zum ersten Mal nach Vancouver und besuchte die Vancouver Art Gallery. Ich sah dort Michael Nicoll Yahgulanaas’ Comic „Red: A Haida Manga“ und war völlig hin und weg von dieser Kombination aus Comic und indigener Kunst. Ich wollte schon immer meine eigene Kultur in meine Comicarbeiten einfließen lassen, aber ich hatte diese Idee noch nie von jemand anderem umgesetzt gesehen. Gord Hill ist ebenfalls ein extrem wichtiges Vorbild für mich, all seine Bücher sind so unglaublich informativ. Mein Lieblingskünstler ist Whess Harman, der wie Gord in Vancouver lebt – gemeinsam haben sie den Comic „Cryboy“ gemacht. Sie entwerfen auch diese großartigen, mit Perlen bestickten „Potlatch Punk“-Jacken und Westen – alles, was die beiden machen, ist einfach unglaublich. Gord und Whess haben auch einen „Dakwäkãda Warriors“ Pin-Up für die Rückseite der Conundrum Press Buchausgabe gestaltet.

Der österreichische Verlag bahoe books bringt in diesem Jahr eine Sammlung mit Kurzcomics indigener Künstlerinnen und Künstler namens „This Place – 150 Years Retold“ in deutscher Übersetzung heraus. Das Buch beinhaltet kurze Episoden über Ereignisse der kanadischen Geschichte, die in einem gewöhnlichen Lehrbuch wohl eher weniger zu finden wären, da der Fokus auf einer indigenen Perspektive liegt und beispielsweise über die leidvollen Erfahrungen mit europäischen Siedlern oder den indigenen Widerstand gesprochen wird. Wie schätzt du die Bedeutung solcher Bücher ein, die zunächst in Kanada und in der Folge auch in anderen Ländern herausgegeben werden?

Wenn in unserem eigenen Land eine falsche Vorstellung von indigenen Menschen und ihrer Kultur vorherrscht, kennt man in anderen Ländern vermutlich auch nicht die wahre Geschichte. Es ist wichtig, dass die Welt über die totgeschwiegene Vergangenheit der indigenen Bevölkerung Kanadas erfährt, dass die Öffentlichkeit nicht außen vor bleibt. Die Stimmen indigener Menschen sollten gehört werden, und zwar überall auf der Welt, nicht nur in Kanada.

Das Interview führte Lars von Törne.

Cole Pauls: Dakwäkãda Warriors, Conundrum Press